· 

When I was young I was...

In dieser Serie möchte ich vorstellen, was ich in letzter Zeit verwandelt habe,  zu einem großen Teil Stoffe, denn durch meine Auseinandersetzung mit dem Scheiden des traditionsreichen Tuchlager Ruhl (siehe: Der Ladenhüter“ habe ich mich wieder meinem alten Hobby, dem Nähen, zugewandt.  Andere Dinge habe ich schon in „Reparieren und die Kunst der Verwandlung“ beschrieben. Die Überschrift bezieht sich auf "When I was Young" von Eric Burden. Mein erstes Beispiel müsste demzufolge den Titel tragen: when I was Young I was a curtain.

 

früher Gardine, heute Beutel
früher Gardine, heute Beutel

Einerseits ist es ja wirklich gut, dass neben dem Gemüsestand beim Discounter neuerdings auch wieder verwendbare Stoffbeutel aus leichtem Synthetik- Stoff zum Kauf angeboten werden. Andererseits kommt mir dann immer ein Zitat in den Sinn:

 

“It is easier to believe in the end of the world than the end of capitalism” (Fredric Jameson)

Ja, für jedes Problem gibt es ein passendes Produkt.

So wird jeder Trend zur Marke und aus jeder Aktionsform lässt sich eine Geschäftsidee stricken.

Ich habe auch eine Geschäftsidee: Eine alte Gardine, die niemand mehr haben möchte, zerschneide ich und nähe Obstbeutel daraus. Und weil das individuelle Design so wichtig ist, bedrucke ich die Beutelchen auch noch mit Stofffarbe. In Wirklichkeit ist das von mir neu entwickelte Produkt, nennen wir es mal „Up-Art-Eco-Bag“, ein Abfallprodukt, ganz nebenbei entstanden, während eines Hundertwasserworkshops für Kinder. Ich habe den Kindern anschaulich machen wollen, wie Hundertwasser „Geschenktücher“ entwickelt hat- eine ökologische Antwort auf Geschenkpapier zum Kaufen.

Ja, man kann ruhig die Nase rümpfen und sich abfällig

über meine Abfallprodukte äußern, denn „was kostet schon eine Rolle Geschenkpapier“ oder wieviel wiegt schon eine Obsttüte aus Plastik.... Solche

Bemerkungen treffen niemals den Kern der Sache, denn mir geht es um ein grundsätzliches Prinzip: Ich möchte nicht, dass mein Geschenkpapier, welches trotz seiner vermeintlichen Leichtigkeit, einen gewaltigen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, weil es in China oder sonst wo produziert wurde, einmal benutzt und dann zerfleddert wird. Und ich möchte auch keine Plastiktüte, um mein Obst nach Hause zu tragen.

Sicher bin ich durch meine DDR-Vergangenheit anders geprägt: die ersten in Plastikfolie eingeschweißten Gurken und Kopfsalat in

Plastikverpackung habe ich

im Jahr 1986, nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl

gesehen, denn da wurde das frische Gemüse, welches in der BRD aus dem Verkehr gezogen wurde, in die DDR exportiert. Die Plastikfolie blieb mir im Gedächtnis, vorher kannte ich so etwas nicht. Die Abneigung gegen Plastikverpackungen ist geblieben und angesichts der Bilder verseuchter Ozeane noch mehr gewachsen. Grundsätzlich ist die Idee des Beutels super, aber warum nicht aus den Materialien herstellen, die sowieso im Überfluss vorhanden sind?

In den Sozialkaufhäusern sind die Stoffe, die mit Sicherheit am wenigsten nachgefragt werden, alte Gardinen. Aus einer Gardine kann ich viele Beutel nähen! (siehe: aller Abfall ist heilig)

Mein Praxistest neulich war ein ziemlich ernüchterndes

Ergebnis, denn alles, was ich einkaufen wollte, war schon eingepackt: Deutsche Äpfel in einer Plastiktüte, Brokkoli, fest mit Folie umwickelt, Zwiebeln im Netz. Zunächst habe ich mich etwas geärgert, weil ich meine Beutel nicht zum Einsatz bringen konnte, doch dann dachte ich bei mir, vielleicht ist das der entscheidende Faktor: Das Bewusstsein für verschwenderische Plastikverpackung

schärft sich, das ist es, worauf es ankommt. Deshalb nähe ich weiter und verschenke meine Obstbeutel an nette Menschen-oder ich verkaufe sie, ganz kapitalistisch, in meinem Shop.

 

Die Obstbeutel-Serie entwickelte sich weiter und umfasst mittlerweile verschiedene Modelle: kleine Beutelchen für 3 Zitronen, andere mit bunten Verschlussbändchen zum Zusammenziehen – ganz nach individuellen Vorlieben. Schließlich kam mir die Idee, auch Brotbeutel zu nähen. Die benutze ich selbst schon länger- warum also nicht ein ganzes Geschenk-Set nähen? Stoffreste aus Baumwolle und Leinen hatte ich noch genug. Den Stempel habe ich auch selbst gemacht, darin habe ich ja bereits Übung.

 Und zum guten Schluss wagte ich mich an die Herstellung von Bienenwachstüchern, nachdem  ich eine wirklich gute Anleitung gefunden hatte. Es lohnt sich auch sonst, in Johanna Rundels Blog zu stöbern!  Ich habe nicht so viel Backpapier gebraucht und bin auch sparsam mit dem Wachs umgegangen. So habe ich die größten Tücher ganz unten als Unterlage gelegt. So ist alles, was an beim Bügeln an Wachs geschmolzen ist, auf die unteren Tücher gelaufen. Diese habe ich dann zum Schluss nur an einigen Stellen nachgearbeitet-fertig. Der Tipp mit dem Fön war jedenfalls super. Eigentlich ist es ganz leicht, mit einer richtig guten Anleitung. Ach so, ich habe ein altes Bügeleisen  benutzt, das konnte ich aber auch problemlos reinigen. Insgesamt ist es natürlich ein Stück Arbeit. Aber die Bienenwachspellets hatte ich übrig, die Stoffreste und Bänder auch und nun habe ich Anfang Oktober schon alle Weihnachtsgeschenke fertig!

 


Materialerkundung ist spannend. Oft zeigt sich auch, dass die sebstgemachten Produkte viel haltbarer sind, als die gekauften. Hier ein paar aktuelle Upcycling-Beispiele für Terrasse und Garten:


Kaffeetüten sind auch ein tolles Material-viel zu schade zum Wegwerfen. Zusammengenäht ergeben sie-beispielsweise- eine ziemlich haltbare Abdeckung für unsere Terrassenküche. Die Lebensdauer ist jedenfalls deutlich länger als bei allen bisherigen gekauften Abdeckungen.

Links im Hintergrund sind leere Öl- Dosen zu sehen- diese

verwende ich, um Ableger von Sträuchern oder Bäumen eine vorübergehende Unterkunft zu geben um sie dann zu verschenken.

Einen alten, defekten Sonnenschirm habe ich demontiert, weil zwar der Mechanismus zum Aufspannen defekt war, der Stoff aber noch ganz tauglich erschien. Dieser runde Stoffbezug soll meine neue Abdeckung für die Gartenstühle werden.( Bild folgt, muss erst noch etwas verschönert werden.) Die Demontage ging übrigens leichter als ich dachte und ist auch interessant für Kinder.

Ein toller Nebeneffekt war, dass sich die Speichen als super Pflanzenstecker für meine Tomaten erweisen haben. Ich habe sie mit zwei Spitzen in die Erde gesteckt und so einen guten Halt. Oben auf die Spitze habe ich kleine Fähnchen aus Stoffresten gesteckt, erstens wegen der Sicherheit  und zweitens, weil ich 9 verschiedene Tomatensorten habe und herausfinden möchte, welche am besten schmecken. Deshalb habe ich die Nummern auf die Fahnen geschrieben. Sieht auch hübsch aus, oder?

Sehr praktisch, wenn ich beim Sperrmüll ein Rad vom Fahrrad bereits ohne Speichen finde. Noch viel praktischer und einfacher ist es, wenn daneben, feinsäuberlich verpackt, ein Stangen-Set liegt. Diese brauchte ich dann nur noch entsprechend bohren und anschrauben. Die Kugeln obendrauf hatte ich noch in meiner Werkstatt-Schublade-genau drei Stück. Super!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0