Laden-Hüter Teil 2

Dies ist die Fortsetzung von "Spuren der Liebe-der Ladenhüter":

In den letzten Wochen des Jahres gibt es immer wieder die

wertvollsten Stoffe, der Meter für 1 Euro. Ich kann nicht wider-stehen und kaufe mir 6 Meter Wollstoff für einen Mantel.

„Wenn ich schließe, ist das sowieso alles weg, dann kann ich es auch ebenso gut jetzt noch verschenken- solange ich da bin“ sagt Herr Ruhl zu einer Kundin, die vor mir dran ist. Sie hat mehr gekauft als sie tragen kann und ruft eine Freundin an um zu fragen, ob diese sie hier abholen kann. Wer war nicht schon alles da, um zu fragen, was nach der Schließung zu haben sei: alle namhaften sozialen Institutionen der Stadt möchten gern etwas geschenkt haben

und das bekommen sie auch. Schade, dass niemand die Vision hat, diesen Ort zu erhalten. Mich überfällt wieder die Wehmut.

Hier können Sie lesen, was Herr Ruhl im Erzählcafé über sein Leben und sein Geschäft berichtete.

"Ich fange mit meinem Großvater an, der ist am 11.10. 1879 in Zirkenbach geboren.

Er erlernte das damals sogenannte ehrbare Schneiderhandwerk bei seinen Verwandten  Gregor Ihrig in Zell und wurde später, durch Zielstrebigkeit, Meister in diesem Fach. Seine Ehefrau Anna Bolst, geboren am 29.12.1882 stammte aus Bad Orb. Im Jahre 1901 gründete Franz, also mein Großvater als junger Mann das Tuchlager Ruhl am Gemüsemarkt. Und jetzt das Wort „Tuchlager“: Damals war „Kaiserzeit“ und der Großvater war Spezialist auf Maßschneider und Uniformen, also keine Militäruniformen sondern so Statussymbole. Sagen wir mal, ein Mann war damals ohne Uniform kein Mann. Sie kennen sicherlich den Film „Der Hauptmann von Köpenick. Der Name „Tuchlager“ kommt daher, weil die Uniformen aus Tuchen gemacht wurden, also so schwere Stoffe, die man heute selten noch hat. Die Florengässner Brunnenzech`, die ja gar nicht weit von hier ihr Domizil hat, die tragen diese cremeweißen und roten Uniformen, und die sind noch aus "Tuchstoffen" genäht. Soweit zum „Tuchlager“.

Heute würde man sagen Stoffgeschäft oder was weiß ich.

Am Gemüsemarkt, 11.09.1944, Bild aus:Die Bevölkerung hatte Verluste" von Günter Sagan, Verlag Parzeller
Am Gemüsemarkt, 11.09.1944, Bild aus:Die Bevölkerung hatte Verluste" von Günter Sagan, Verlag Parzeller

Dieses Geschäft wurde dann im unseligen Zweiten Weltkrieg Opfer des Luftangriffes der Alliierten- am 11. September, da ist ja immer eine Gedenkfeier. Also am 11. September wurde bei einem Bombenangriff das Wohn-und Geschäftshaus der Familie Ruhl zerstört. Als der Angriff vorüber war, fand man seine Frau Anna im Hause

oben an einem Dach, an einem Zimmer- Balken hängend.

Soldaten des Räumkommandos befreiten sie aus ihrer bedrohlichen Lage. Franz

selbst hatte vorher noch versucht, Stoffballen in den Keller zu schleppen. Er flüchtete aber dann aus dem Haus, bevor das Ganze zusammenstürzte. Mit gebrochenem Arm lag er am Ende in einem Bombentrichter im Garten hinter dem Haus. Er raffte sich auf und lief schnell in das Haus Mittelstraße 3. Da war seine Tochter Paula, das Modehaus Köhler. Als er sie und ihre beiden Kinder lebend erblickte, schrie er vor Freude laut auf und rief: „Sie leben! sie leben!“ An deren Haus war nur geringer Schaden entstanden. Lediglich der Dachstuhl war etwas betroffen.

Den noch brauchbaren Hausrat wollte Franz am nächsten Tag in Sicherheit bringen-u.a. auch die Stoffe- und nach Zirkenbach bringen.

Am Pröbel, 12.09.1944 Bild aus: "Die Bevölkerung hatte Verluste" von Günter Sagan, Verlag Parzeller
Am Pröbel, 12.09.1944 Bild aus: "Die Bevölkerung hatte Verluste" von Günter Sagan, Verlag Parzeller

. Auf dem Gemüsemarkt luden die Helfer die Gegenstände auf einen Pferdewagen da gibt’s da hier noch ein Bild, das kann man später noch sehen- und fuhr in Richtung Pröbel. Dort wurde aber das Gespann von einem Tiefflieger getroffen. Der Fuhrmann konnte sich retten, die Pferde und das Gespann explodierten und da war alles weg. Alles was da drauf war, Hab und Gut, Wagen und Pferd wurde vernichtet. Mit dem Ruhlschen Hausrat ein Volltreffer. Wie gesagt, der Fuhrmann konnte sich gerade noch in Deckung bringen können und kam mit seinem Leben davon. Günter Sagan hat in seinem Buch darüber geschrieben, auf Seite 130.

Hedwig Ruhl schrieb in einem Brief an ihre Schwester Leni am 3.10.1944 über dieses Ereignis: „Onkel Franz hat den Arm gebrochen. Das Mobiliar, das er noch retten konnte, ist am 12.09. am Pröbel bei einem Bombenangriff mit Mann und Ross und Wagen kaputtgegangen.

Foto: privat  Fam.Ruhl
Foto: privat Fam.Ruhl

Franz kam danach mit seiner Frau in Kleinsassen bei der Familie Menz unter. Dort warteten die beiden das Kriegsende ab. Nach dem Krieg hatte er in dem Textilhaus Köhler, also in der Mittelstraße bei seiner Tochter Paula , ganz hinten im Laden, so eine kleine Abteilung gehabt, ein paar Regale mit Stoffen und hat praktisch 1946 dort wieder angefangen. Mühsam und unter großen Schwierigkeiten wurde in den Nachkriegsjahren das Gebäude am Gemüsemarkt wieder aufgebaut und das Geschäft neu eröffnet. Franz besorgte zu jener Zeit auch Waren aus der Weberei Ruhl in Herbstein- die existiert natürlich heute schon lange nicht mehr-mit deren Inhaber er sich durch gemeinsame Vorfahren verbunden fühlte.

Foto: privat Fam. Ruhl
Foto: privat Fam. Ruhl

Franz und Anna Ruhl,

geb. Bolst, hatten drei Kinder. Franz starb im hohen Alter von 81 Jahren, seine Gattin wurde sogar 92 Jahre alt. Jetzt kommt die Generation von Willibald Ruhl, meinem Vater.

Er wurde am 26.06.1907 in Fulda geboren als Sohn des Schneidermeisters Franz Ruhl und seiner Frau Anna und

übernahm später das Geschäft seines Vaters. Er heiratete mit 30 Jahren die Schneiderin Maria Arnold aus Fulda. Als Kriegsteilnehmer des Zweiten Weltkrieges führte ihn das Schicksal an die Ostfront, wo er in Gefangenschaft geriet, von der er erst 1950 als Spätheim-kehrer aus Russland in die Heimat entlassen wurde. 1951 konnte er mit dem bewährten Tuchlager Ruhl das 50jährige Geschäfts-jubiläum begehen. Ja und dann kommt der Hans Martin Ruhl, das bin ich, geboren am 8.4.1939, der die letzte Generation der Firma verkörpert. Im Alter von 27 Jahren mit Ursula Klipper aus Gelsenkirchen den gemeinsamen Weg des Ehestandes eingeschlagen -52 Jahre sind das jetzt schon-das muss man sich mal vorstellen !  Willibalda Ruhl, das ist eine Schwester von meinem Vater, die ist ins Kloster gegangen, zu den heiligen Schwestern. Aber die ist schon sehr früh an Krebs gestorben. Und die andere, 2.Schwester, Paula Köhler, dann spätere Berg, weil der erste Mann gestorben war, die ist aber auch schon sehr lange tot.

Gut, also 1948 wurde das Geschäft am Gemüsemarkt wieder neu eröffnet, und hat sich gut entwickelt. Wir hatten noch eine Angestellte, der Opa hat noch im Geschäft mitgewirkt, der Vater, eine Angestellte und eine Auszubildende.

Zunächst war die Verkaufsfläche sehr klein, siehe Fliesenreihe am Fußboden. Die andere, im Bild linke Seite gehörte zur Gärtnerei Angeli,  siehe 1.Bild.
Zunächst war die Verkaufsfläche sehr klein, siehe Fliesenreihe am Fußboden. Die andere, im Bild linke Seite gehörte zur Gärtnerei Angeli, siehe 1.Bild.

Und zu dieser Zeit war praktisch in jedem Dorf, egal, wo ein selbständiger Schneidermeister-in manchen Dörfern sogar noch mehrere. Und die wurden besucht- man hat gereist,

wie man so schön sagte. Wir hatten damals einen VW Käfer, und da ist man damals mit Stoffen, Zutaten, was man so hatte- die hatten ja alle kein Auto- die kamen also nicht zu uns, hin. Also das war der Anfang. Der Radius war etwa: Schotten, Alsfeld, Bad Hersfeld, die Röhn bis Brückenau, bis Gelnhausen- in dem Gebiet. Und es gab früher in manchen Orten, z.B. in Angersbach-8 selbständige Schneider als Kunden. Und die hatten alle zu tun! Na damals!

Nun, das Geschäft hat sich gut entwickelt. Ich war damals auf der damals hieß das Volksschule und danach die höhere Handelsschule- das war die alte städtische Berufsschule am Waides. Da hatten wir Englisch, Stenografie, Buchführung, Schreibmaschine, also so kaufmännische Sachen gelernt. Und dann habe ich ein halbes Jahr bei meinem Vater im Geschäft gelernt und- das hat keinen Sinn zu Hause zu lernen, das bringt nichts. Und dann bin ich eineinhalb Jahre als Lehrling nach Bad Hersfeld zu der Firma Georg Sauer K.G. Die existiert heute noch. Das ist ein großes Kaufhaus und die hatten damals alles. Die hatten von Stoffen, Wäsche, Konfektion, also alles. Da habe ich nach zwei Jahren eine sehr gute Prüfung gemacht. Die habe ich hier bei Karstadt in Fulda gemacht, die Prüfung, mit Auszeichnung. Da war Karstadt noch in der Friedrichstraße. Dann wollte ich eigentlich im Geschäft anfangen, Doch dann ist in Bad Hersfeld-mein Vater hatte ein gutes Verhältnis zu dem Inhaber, Herrn Knauf- der erste Verkäufer hatte einen Herzinfarkt bekommen. Und jetzt hat der Herr Knauf händeringend meinen Vater gefragt, kann der Hans-Martin nicht noch ein viertel Jahr bleiben? Und aus dem viertel Jahr wurden eineinhalb Jahre, in Bad Hersfeld. Ich bin also jeden Morgen nach Bad Hersfeld und abends wieder heim. Das war damals noch ein Bummelzug, aber es war trotzdem eine schöne Zeit.

Ja, dann kam ich nach Hause und das Geschäft ging weiter und das war sehr gut, der Vater und ich haben das gemacht und noch zwei Angestellte und so hat sich das entwickelt. Dann ist der Opa

gestorben und mein Vater ist 1983 gestorben und hat das Geschäft zur Hälfte an meine Mutter und die andere Hälfte an mich überschrieben. Das war aus steuerlichen Gründen, meine Mutter hat dann später die andere Hälfte noch an mich überschrieben und seit 1983 führe ich das Geschäft, damals noch unter Mithilfe der Tante Paula, die damals schon Rentnerin war, meine Mutter hatte

mitgeholfen, meine Frau hat noch mitgeholfen, doch die letzten Jahre führe ich praktisch das Geschäft alleine. Sie finden keine vernünftige Verkäuferin. Das ist also, ich brauch keine, die da rumsteht, die muss Warenkenntnisse haben, die muss auf den Kunden zugehen können, und das finden Sie nicht!

Und da denk ich, du bist doch nicht blöd, und da hab ich das allein gemacht. Seit der Zeit. Wie gesagt, meine Frau hat mir noch geholfen, aber die ist auch schon 10 Jahre Rentnerin und die war ja vorher in der

Apotheke, die hat ja einen ganz anderen Beruf gehabt. Und so war das halt. Und das Geschäft geht gut, doch ich werde nächstes Jahr 80 und ich habe versucht, das Geschäft zu verkaufen. Null Chancen. Ja, nun passen Sie auf, und zwar deshalb, weil, die Leute wollen viel verdienen und wenig arbeiten. Ich sage ihnen nur ein paar Beispiele: Da kommt eine, die sagt, o ja, ich wäre sehr interessiert an dem Laden. Und dann sagt sie im nächsten Moment, ach Gott, da muss ich ja jeden Samstag arbeiten! Sag`ich, das mach ich schon 50 Jahre und leb immer noch! Noch so’n Klops, ich hör dann damit auf, aber den muss ich noch erzählen: "Ja, ich hab großes Interesse an dem Geschäft, was wollen Sie denn für den Warenbestand haben?" Da hab ich ihr die Bilanz vom letzten Jahr gezeigt und dann habe ich gesagt, hier ist der Warenbestand, über den Betrag können wir verhandeln. Und jetzt kommts:

" Kann ich den in fünf Jahresraten bezahlen?"

Da lachen Sie alle, ich hab`auch gelacht. Ich hab gesagt, Sie meinen Monatsraten!? "Nein, Jahresraten."

Ja, sowas kann man in der Pfeife rauchen. Ich hab jetzt, vorgestern war wieder eine da, aber ich weiß nicht. Gut, also ich habe vor, Ende des Jahres wollte ich zumachen, aber da sind die schönen Feiertage mitten in der Woche und da mache ich mir nur Stress. Also wird es Januar, mit Sicherheit werden. Und wenn sich nichts anderes tut, wird es halt geschlossen. Das ist schade um das Geschäft. Viele der Stammkunden bedauern das und ich bedaure das auch, aber wie gesagt, ich kann nicht arbeiten, bis man mich mit den Füßen voran aus dem Laden rausträgt.

Ja, Ja, hier geht es noch weiter!
Ja, Ja, hier geht es noch weiter!

Mit der Konfektion, das habe ich vergessen zu erwähnen. Das Schneiderhandwerk wurde ja immer weniger vor vielen Jahren. Und da haben wir angefangen und Konfektion dazu genommen, also fertige Anzüge und fertige Hosen und Sakkos. Sonst nichts, keine Hemden, keine Socken, nur das. Und haben zusätzlich sogenannte Maßkonfektionen gemacht. Das heißt also, der Kunde hat die Größe 50 aber die Ärmel sind zu kurz oder die Hose ist zu lang oder was weiß ich und dem gefällt der Anzug nicht und er sagt, ich möchte aber den Anzug in Blau haben und dann kriegt er den dann maßkonfektioniert. Wir hatte in der Zwischenzeit 5 verschiedenen Firmen die alle aufgehört haben und jetzt, meine, die ich jetzt als sechste habe da ist der Inhaber 70 und die Frau ist 68 und die hören jetzt auch auf. Und in der letzten Zeit, früher haben wir sehr viele Anzüge für Leute gemacht, die Geld hatten. Früher hat ein Anzug 100 € gekostet, bei uns, das waren dann aber englische, da hat er dann 300€ oder 400€ gekostet. Heute ist das ja kein Thema, das sind ja noch DM Preise. Und jetzt machen wir zur Zeit noch für Vereine, so einzelne Sachen. Zum Beispiel der Musikverein Niesig, der hat jetzt 11 Jacken und 8 Westen bekommen. Die haben sich aber nur noch mal eingedeckt, weil ich aufhöre. Das ist alles nach Maß angefertigt. Da bin ich mal abends hin und hab die ausgemessen, die Mädchen und die Jungs und die Männer, je nach dem-und das ist so praktisch das Geschäft.

Als ich 65 wurde, habe ich mit Doktor  Hudemann, der war damals mein Hausarzt in der Lindenstraße, 

gesprochen und er fragte mich, Herr Ruhl, Sie sind jetzt 65, was machen Sie? Und ich antwortete, naja, ich mache auf jeden Fall weiter. Und da hat er mir damals wörtlich  gesagt: „Herr Ruhl, solange Ihnen das Geschäft Spaß macht, machen Sie das, das ist gesund für Sie!“ Und da hat er Recht gehabt:

1. Man ist in Bewegung. Der Kopf wird trainiert. Man ist unter Leuten. das ist ganz wichtig, nicht? Also den ganzen Tag lang, ist immer wieder was Neues. Ja, und nun bin ich 79, und nun muss Schluss sein.

Frage: "Wie kann sich ein junger Mensch so ein Bestellsystem von früher, also ohne Internet und Telefon, vorstellen? Und woher haben Sie gewusst, was die Schneider, die Sie belieferten, wollen?" Antwort: "Sagen wir mal, ich habe meinen VW Käfer vollgeladen mit Stoffen. Und der hat gesagt, ich möchte mal ein paar Anzugstoffe kaufen. Oder Mantelstoffe. Ja und da ist man damit zu dem hin und der hat gesagt, davon gibst du mir mal 3 Meter und 3 Meter davon. Das hat man dann dort abgeschnitten. Zuhörerin: „Die Schneider in den Dörfern hatten alle so kleine Proben…." „So Muster, ja das hatten wir auch. Wir hatten so eine Anzugserie, das war ein ganz strapazierfähiger Stoff. Der war sehr stark gezwirnt, richtig, also da konnte man sich mit ins Bett legen. (keine Falten) Und da hatten wir 10, 12 Muster und die hatten wir aber immer am Lager. Und die Schneider haben so kleine Muster gehabt und haben die dann ihrem Kunden vorgelegt. Und wenn der Kunde dann gesagt hat, an dem Muster seh` ich nichts, dann ist der Herr Ruhl dann hin und hat ihm mal 3 Meter Stoff gebracht, damit der mal was sieht."

"Woher beziehen Sie ihre Stoffe ?"

"Damals viel aus Aachen, das war die deutsche Tuchstadt

schlechthin. Da gab es noch nach dem 2.Weltkrieg 30 Fabriken, die nur Stoffe hergestellt haben. Heute existieren noch 2 dort.

"Und sind Sie da auch hingefahren?"

„Ja, 2 mal im Jahr. Hingefahren, ja das ist immer besser, wenn man mal hinfährt und in so eine Firma kommt, da war ja eine neben der anderen. Und da kamen natürlich auch Vertreter. Da hat man gesagt, das und das will ich haben und das wurde dann geschickt. Und heute habe ich nur noch ganz wenige Lieferanten, weil, man muss das konzentrieren. Und zwar kaufe ich schon lange nicht mehr bei dem sogenannten Großhandel ein, sondern – die meisten Stoffe kommen ja heute aus dem Ausland. Gute Stoffe!- nicht nur Schrott! Es kommt zwar viel Schrott aus dem Ausland, aber die Stoffe, die kaufe, die sind gut. Und die kaufe ich direkt beim Importeur. Da ist also der Großhandel weg. Und dementsprechend habe ich

gute Preise. Auch Verkaufspreise. Also ich meine, will mich nicht loben, aber ich bin der geborenen Geschäftsmann. Ich kann das."

Wir kommen auf die Firma Mehler zu sprechen: "Mehler hatte ja vor langer, langer Zeit 1600 Näherinnen. Dann wurde Deutschland zu teuer, zum Nähen. Ich glaube zuerst sind sie nach Jugoslawien. (Fulvelinmäntel) Bei Mehler haben viele Ausländerinnen genäht, z.B. Frau P. die wohnt nebenan, oben im Haus. Die hatte mal Änderungsschneiderei Aus Mazedonien, ist vor 40 Jahren hierhergekommen und hat bei Mehler genäht.

Und Mehler… dann Italien, dann übers Mittelmeer nach Tunesien. Dann in die Türkei. Die sind also immer weiter weg, zum Schluss dann glaube ich, nach Bangladesch.  Und es ist ja leider

so, heute kriegen Sie T- Shirts sagen wir mal für 2,3 Euro. Und nun müssen Sie sich mal vorstellen, der Stoff kostet ja etwas, und das

T- Shirt kommt von weit, weit her. Der Handel- 19% Mehrwertsteuer, die können Sie von den 3 € abziehen,

dann haben Sie also noch...- also was kann das T Shirt kosten?

Das ist moderne Sklaverei!  Aber die Leute kaufen das."

Das war einmal! Heute werden andere Sachen genäht.
Das war einmal! Heute werden andere Sachen genäht.

Frage nach der Kundschaft von heute: "Die jungen Frauen heute kaufen Sweatshirt-Stoff und nähen mit der Overlook-Nähmaschine. Das sind die Hobbyschneiderinnen von heute. Vorgestern habe ich 200 Meter davon gekauft von meinem Importeur, weil ich sozusagen abgebrannt war… und heute schon wieder 20 verkauft. Den Preis hat keiner in der Stadt. Und das ist die beste Reklame. Ich habe auch keine Werbung in der Zeitung wegen

Räumungsverkauf gemacht. Das liest kein Mensch und wissen Sie was so eine Annonce kostet?

500 € in der Größe eine Postkarte. Bis ich die 500€ wieder

rein habe- da verkaufe ich lieber die Stoffe billiger, das ist die bessere Werbung. Das habe ich auch dem Vertreter von der Zeitung gesagt. Mein Gott, der hat mich angeguckt (lacht), der hat gedacht, der Mann hat recht…"

Zuhörerin:"Was Herrn Ruhl noch auszeichnet, bei Herrn Ruhl kann man Stoff zentimeterweise kaufen wo gibt es denn so etwas."

Da war mal eine Kundin, die hat Patchwork gemacht, und die hat erzählt:

"Zuhause habe ich bemerkt, dass mir 10 cm gefehlt haben. Herr Ruhl, ich bin ja alt. Da war ich zu faul, zu Ihnen hier runter zu laufen und da bin ich zu.....(Kaufhaus). War natürlich keiner da. Da bin ich schon mal zum Regal und habe den Stoff rausgeholt. Dann kam jemand und fragte, was ich da mache. Ich: ja ich hätte gern 10 cm von diesem Stoff." "Ja das tut mir aber leid, das kann ich Ihnen nicht abschneiden."

"Warum nicht? "

"Wir können nur 30 cm abschneiden."

Allgemeines Lachen.

" Das ist doch kein Service! Das zwischenmenschliche, ja...

 Die rechnen Umsatz mal Quadratmeter."

Frage nach der besonderen Beziehung zu den Karnevalisten:

Antwort: "Heute fehlen die Leute die Garde-Uniformen nähen. Die kaufen heute viel fertig und schmücken das dann aus, z.B. die Männertanzgarden."

"Die kaufen fertige Uniformen im Internet?"

"Ja, die passen dann nicht immer so gut. Gestern war wieder

eine da hab ich genau gesehen, dass die aus dem Internet war:

Kundin: "Die passt nicht."

" Na, da kann ich doch nichts dafür."

"Ich möchte aber den gleichen Stoff haben."

Ich habe dreierlei so blaue Stoffe, da hat keiner gepasst. Meine Ware war etwas ganz anderes, als das, was die im Internet gekauft hatte.

" Wissen Sie vielleicht, woher ich so einen Stoff bekomme?"

"Fragt die mich!" Soll sie doch dort fragen, wo sie bestellt hat! Ich muss Ihnen noch eine Story erzählen. Das war im letzten

Jahr , da brauchten die Mädchen von einer Tanzgarde so einen goldenen Stoff, elastisch sollte der sein. Da habe ich ihnen ein Muster mitgegeben, und sie sagten, der Vorstand müsse das absegnen. Ich habe ihr einen Sonderpreis angeboten. Doch dann habe ich nichts mehr von dem Mädchen gehört. Angerufen. Vorstand: Sie sind ja viel zu teuer, ich hab es im Internet für die Hälfte bekommen!"

Doch dann haben die Frauen, die das nähen sollte, gesagt, den Dreck verarbeiten wir nicht. Jetzt kommt der Clou: Nun hat der Vorstand den Stoff doch bei mir gekauft und gefragt, ob ich den Stoff aus dem Internet in Zahlung nehmen würde. Sie lachen-

Ich hab nämlich auch gelacht. Jo, jetzt hammer doch den Stoff bei Ihnen gekauft!"

" Ja, das hätten Sie ja früher machen können, dann wäre es billiger

gewesen."

hier wurde gerade ein Reißverschluss repariert
hier wurde gerade ein Reißverschluss repariert

Frage nach dem Reißverschluss-Service, für den Herr Ruhl in der ganzen Stadt bekannt ist:

"Meistens ist es der Schieber. Vorgestern kam einer, der hat mir 10€ gegeben, ich hab doch gesagt, 5! Der war so glücklich, denn vorher war er beim Türken gegenüber, der wollte ihm den Reißverschluss gleich einnähen.

Der hat ihn dann rüber zu mir geschickt. Und ich habe den Schieber gewechselt und der Reißverschluss ging wieder. Ja, da nehme ich 5 Euro."

Ladentheke mit Ritze-eine geradlinige Schönheitsspur
Ladentheke mit Ritze-eine geradlinige Schönheitsspur

Frage nach besonderer Episode oder Familiengeschichte:

 Der Opa hat früher immer von

der Saure-Gurken-Zeit gesprochen. Und das ist aber immer noch so, dass ich im Sommer ein Drittel Umsatz mache und im Winter die anderen 2 Drittel. Wenn schönes Wetter ist, denkt keiner ans Nähen. Und der Sommer war für den Opa immer die Saure- Gurken -Zeit. Und ich fragte ihn: "Aber Opa, du verkaufst doch gar keine sauren Gurken?" Das war mir schleierhaft mit den Gurken, ich  dachte, das hätte vielleicht was mit dem Gemüsemarkt zu tun."

Der Opa hat mir die Geschichte später immer wieder erzählt und gesagt, da hätte er sich immer so gefreut und amüsiert." 

"Danke für das Gespräch und wir wünschen Ihnen, dass der Ruhestand keine Saure-Gurken-Zeit wird, sondern eine schöne, erfüllende und glückliche Zeit!"