Träum weiter, kleiner Fuchs!

Über den Waidesgrund habe ich ja schon geschrieben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sogar davon träume, und sogar 13-mal in Folge!

Traum Nr. 1

Ich wache erschrocken auf weil ich denke, ich habe die Frist verpasst, die Ergebnisse des Architektenwettbewerbes anzuschauen. Eine Woche lang, kurz vor Weihnachten,

 haben die Bürger Gelegenheit, diese im Stadtschloss einzusehen.

Doch ich kann zufrieden wieder einschlafen- denn heute ist der 22.Dezember 2017-der letzte Tag. Und ich habe frei!

Traum Nr.2

Heute Nacht kein Grund zum schreckhaften Erwachen. Ich träume von den Bildern des Architektenwettbewerbes. Schöne moderne Häuser inmitten lichtdurchfluteter Parklandschaft. Kinder spielen auf dem Rasen, Erwachsene schlendern ruhig Hand in Hand unter großen Laubbäumen. In den frühen Morgenstunden wache ich doch auf und grüble darüber, was auf den Bildern fehlt:

Natürlich! Die Autos! Beim Frühstück erinnere ich mich an die Zeit, in der ich in einer ähnlichen modernen Wohnanlage gewohnt habe, bevor ich nach Fulda gezogen bin. Unter jedem Haus war eine Tiefgarage. Von diesem Konzept war ich fasziniert: Die Autos unter die Straße, die Straßen und Plätze gehören den kleinen und großen Menschen. Erst nach einiger Zeit realisierte ich die Wirklichkeit: Die Straßen waren trotzdem zugeparkt und auf die Grünflächen

durften nur die Hunde, nicht aber die Kinder. Am Waidesgrund wird das anders. Unten auf der Ochsenwiese steht ein großes Parkhaus und das Wohngebiet ist WIRKLICH autofrei.

Wie schön!

Traum Nr.3

Kurz nach Mitternacht werde ich schon wach. Wie naiv von mir: Wenn man heutzutage baut, ist man ja verpflichtet,

ich glaube zwei Stellplätze pro Wohnung bereitzustellen.

Sind die schönen Bilder des

Architektenwettbewerbes nur Lug und Trug? Nein, das kann ich nicht glauben. Sicher gibt es eine verborgene Lösung für das Problem, vom Auto zur Wohnungs-tür zu kommen. Vielleicht ist alles unterirdisch geregelt, wie in der U-Bahn. Schächte verbinden Parkhaus und Wohnhäuser. Rolltreppen und Laufbänder bringen die Menschen mit ihren Einkäufen sicher und bequem nach Hause. Ich schlafe friedlich wieder ein und träume von der ersten Hälfte meines Lebens, die nahezu autofrei war. Zumindest verkehrsarm. Immer zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs und nichts vermisst. Erst mit der Übersiedlung in den Westen kam für mich das luxuriöse Leben mit dem Individualverkehr und dem ersten eigenen AutoAutoAuto

AutoAutoAutoManchmal sehe ich vor lauter Autos nicht mehr, wo ich eigentlich hin will. Und Parken wird auch immer schwieriger weil die Autos immer größer werden.

Am Waidesgrund wird das anders, denn zu diesem neuen Stadtteil gehört ein Verkehrskonzept, das seine Genialität hinter bescheidener Schlichtheit versteckt. (Deshalb wird es auch noch nicht thematisiert, nehme ich an) Der TransCity (ein Kleinbus, der im 10-Minuten-Takt fährt,wird wieder eingeführt, natürlich mit Öko-strom betrieben. Es wird mehrere Shuttle-Linien geben: in die Stadtmitte, zur Hochschule, zu den anderen Schulen und einen für besondere Dienste (für Menschen mit besonderem Hilfebedarf)

Traum Nr.4

Der Flächenverbrauch! In den frühen Morgenstunden fällt mir wieder ein, warum ich grundsätzlich dagegen war, die Klein-gartenanlage zu bebauen.

Mensch-und nun? Fast die Hälfte der geplanten Fläche wird einem privaten Geschäfts-mann zur Verfügung gestellt!

Auf den vielen Schautafeln im Stadtschloss war auch von der Frischluftzufuhr die Rede und der Wichtigkeit von Grünflächen. Doch mehr als ein Randstreifen bleibt doch nicht übrig! Ich falle wieder in einen unruhigen Schlaf und

Ich stehe am Morgen auf, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, die Welt zu retten und dem Wunsch, die Welt einfach zu genießen.“ (B.White)

Doch heute kann ich die Welt genießen, denn am Waidesgrund wird alles anders. Was niemand weiß, außer mir, denn ich habe es geträumt ist nämlich Folgendes:

Es gibt noch einen weiteren Plan, der ist geheim und liegt in einer Schublade des Stadtbaurates, Herrn Schreiner. Er wird uns am Tage der Veröffentlichung sicher alle überraschen und erfreuen wenn er verkündet, dass die Messehalle doch nicht an dieser Stelle gebaut und die Kleingartenanlage weitestgehend erhalten bleibt! 

Traum Nr.5

Der Wohnungsbau soll natürlich sein, doch nicht um jeden Preis. Deshalb wird eins der wichtigsten Kriterien bei der Planung der Flächenverbrauch sein. In meinem fünften Traum träume ich von

Ausgleichsmaßnahmen, die in Form verbindlicher Auflagen erscheinen. Das Esperanto wird grün! Die Fassaden auf den Sonnenseiten werden mit Wein begrünt und vom Fuldaer Weinkonvent gepflegt und bewirtschaftet, die Nordseite mit

allerlei Kletterpflanzen begrünt-Jelängerjelieber! Die Vögel freuen sich über neue Lebensräume (die ihnen ja vorher genommen wurden) und für das Klima ist ein vertikaler Garten genauso gut wie einer in der Horizontalen. Es werden also Häuser gebaut, aber im Einklang mit der Natur. Ein schöner Traum, die Nr.5.

Traum Nr.6

Das Esperanto Gebäude sieht jetzt richtig hübsch aus und auch die Wohnanlage und die Kleingärten sind in ihrer Gesamtheit nicht nur eine Augenweide sondern ein Ort zum Verweilen, fast wie im Urlaub! Das Leben ist aber kein Urlaubsdomizil, all-inklusive. Obwohl den Deutschen seit Jahrzehnten ein wachsendes Umweltbewusstsein attestiert wird, steigt der Ressourcenverbrauch. Ich denke an einen netten Durchschnittsmenschen, der aus seinem SUV aussteigt und auf  der Straße parkt. In der Garage steht ja das Auto seiner Frau und im Carport der Wagen seines Sohnes. Der Weg zu seinem Haus führt durch einen geschotterten Vorgarten. Die einzigen Pflanzen darin sind zwei Kirschlorbeersträucher. In der Hand hält er Reisekataloge, denn er will seine Liebste mit einer Kreuzfahrtreise nach Ägypten überraschen:

„Dafür habe ich lange gespart, und viel gearbeitet- und einmal im Leben möchte ich dort gewesen sein- an der Wiege der Menschheit, der Kultur…Ansonsten ist mir der Klimawandel ja bewusst…“ Seine weiteren Worte vernehme ich nicht mehr, denn ich wache mit dem irritierten Gefühl auf, dass dieser Anspruch heutzutage als „ganz normal“ angesehen wird. Wer sollte ihm dieses Vergnügen denn verwehren-oder den anderen Milliarden von Menschen, die den gleichen Wunsch haben. Mit einem Trick gelingt es mir, wieder einzuschlafen: Ich zähle in Gedanken alle mir bekannten Menschen auf, die sich nicht über ihre Konsumenten-und Verbraucherrolle definieren und, jeder auf seine Weise, einen anderen Lebensstil ausprobiert, anstrebt oder einfach lebt. Dann träume ich von einem Verfahren, welches die zukünftigen Bewohner eines neuen Stadtteils mit in die Planungen einbezieht. Vielleicht ist ihnen Raum für Begegnungen und Nachbarschaftlichkeit wichtiger als die obengenannten Ansprüche. Ich denke an all das, was ich von neuen Wohnformen kenne und schlummere selig bis zum frühen Morgen.

Nachdem das Verfahren der Bürgerbeteiligung in den Sommerferien nur drei Wochen lief und die Ergebnisse des Architektenwettbewerbes eine Woche lang im Advent zu sehen waren, wird die Planungszeit mit den zukünftigen Bewohnern nicht zeitlich begrenzt.  

Traum Nr. 7

In der nächsten Nacht träume ich von einer Schlagzeile:

 

„Fulda-

die größte Stadt Deutschlands- was genossenschaftliches Wohnen betrifft.“

Traum Nr. 8

Die Impulse aus dem neuen

Wohngebiet am Waidesgrund für eine nachhaltige Energie-versorgung zeigen Wirkung. Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht man ringsum Solaranlagen auf den Dächern von Richthalle, Esperanto und Bahngebäuden. Das Transcity-System verbreitet sich über die Grenzen des Stadtgebietes.

Traum Nr.9

Mir erscheinen im Traum 2 Engel, die durch Blitz und Donner sanft heranschweben, mich anlächeln und sich mit freundlichen Minen vorstellen:

Der erste Engel ist US- Colonel John Nelson Abrams v. 11.

Panzeraufklärungsregiment, welches lange Jahre in Fulda stationiert war und der zweite ist Landrat a. D. Fritz Kramer, beide Ehrenmitglieder im KGV

„Waidesgrund“ e. V.

Blitz und Donner" so erklären sie mir, sind nur schmückendes Beiwerk für ihre Erscheinung, denn auch die ersten Gesprächen zur Gründung des Kleingartenvereins am 28.Mai 1931,wurden von einem zünftigen Mai-Gewitter begleitet und zwar in der Gaststätte „Zum Deutschen Kaiser“. Der Colonel und der Landrat a.D. äußerten ihre übergroße Freude darüber, dass die Kleingartenanlage nicht nur erhalten bleibt, sondern auch für die nächste Landesgartenschau wieder eine bedeutende Stellung

zugedacht bekommt. Die Freude ist verständlich, denn bereits 1992 wurde der KGV „Waidesgrund“ bei Wettbewerben auf Bundes- und Landesebene zum Thema „Gärten im Städtebau“  mit

Bronze-, Silber- und Goldmedaille ausgezeichnet ! In diesem Jahr erhielt der KGV auch den Umweltschutzpreis der Stadt Fulda und wurde 1994 in die 1. Hessische Landesgartenschau in Fulda integriert.

Und nun die Vorfreude auf die Landesgartenschau 2023 in

Fulda ! Was für ein Grund zum Feiern: Die KGV grünt und blüht und ist ein leuchtendes Beispiel für die Verbindung von modernen Wohnformen und urban gardening. Dieses Fest kann nur noch durch die 100- Jahr-Feier des KGV getoppt werden. Halleluja!

Traum Nr. 10

Doch was ist nun eigentlich mit der Messehalle? Das „Esperanto-Kongress-und

Kulturzentrum Fulda“ hat auf der Fulda-Galerie eine große, moderne Messehalle gebaut. Verkehrstechnisch ungünstig? Von wegen! Vom Bahnhof bis nach Sickels fährt jetzt eine Straßenbahn. Ich wache auf und reibe mir die Augen.

Hab‘ ich das jetzt geträumt oder ist das wirklich möglich? 

Traum Nr.11

Schlecht geschlafen. Immer wieder tauchen Gestalten auf, die sich bei mir beschweren wollen. Sie schimpfen mit mir, weil ich Ihnen angeblich das Geschäft vermasselt habe.

Fachleute lachen mich

höhnisch aus, weil ich

keine Ahnung habe.

SUV-Fans verfolgen mich

und fahren mir die Stoßstange

kaputt. Politiker aus dem Stadtparlament erklären mir,

wie Politik funktioniert.

Traum Nr.12

Heute Nacht besser geschlafen. Geträumt von einer großen,

öffentlichen Versammlung im Fürstensaal.

Das Klimaschutzkonzept der Stadt Fulda wird vorgestellt und: DAS hervorragende Beispiel einer gelungenen Synthese von

Stadtentwicklung und Klimaschutz wird gefeiert: Der Waidesgrund! Dafür gibt es den Hessischen Nachhaltigkeitspreis. Super! Ich klatsche wie wild Applaus und davon werde ich wach.

Traum Nr. 13

Wo bin ich denn hier gelandet? Und wer spricht mich denn da

an? Schon wieder ein Engel! Der sieht aber ganz und gar nicht freundlich aus. Und der kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich weiß nicht… Was sagt er?

„Hej, du, wie ist den Name?“

„Ich?“, frage ich, doch wen soll er sonst meinen, wenn er mich so grimmig anschaut.

„Ja, DU! Wie ist dein Name?“

„Martina“

„Weiter?“

„Fuchs, Martina Fuchs“

„Wie kommst du dazu, so etwas zu träumen?“

„Mmh, das kann ich nicht so genau sagen, ich…“

Sein Ton wird lauter: „Das schlag dir aus dem Kopf! Was meinst du, wer du bist? Du hast überhaupt nichts zu sagen!“

 

„Naja“, fügt er etwas milder werdend hinzu, „du hast zwar

nichts zu sagen, aber meinetwegen, träum weiter, kleiner Fuchs.“