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#fuldablühtauf

Zum wiederholten Mal schreibe ich über das Thema „Stadtgrün“, diesmal jedoch mit einem konstruktiven Vorschlag, einem Maßnahmenkatalog (ganz unten) zur Biodiversität, aus Darmstadt, ich meine, so etwas brauchen wir hier in Fulda auch! überall auf der Welt gibt es Initiativen in diese Richtung. Wäre es nicht toll, wenn Fulda Teil dieser globalen Bewegung würde ?

 Fulda blüht auf, habe ich gelesen. Ja, das ist eine schöne Aktion, wenn ich direkt vor dem Grünstreifen sitzen und in Duft und Farbenpracht eintauchen kann. Auf meinem Weg zur Arbeit denke ich jedoch anders darüber, dann sind die Blühstreifen nichts weiter als Greenwashing. „Fulda wird jetzt bunt und grün!“, heißt das Versprechen, und alle die es glauben wollen, tun das gern. Doch in Wirklichkeit verspricht Greenwashing, dass alles anders wird, damit alles so bleiben kann, wie es ist.

Also, sich für eine gewisse Zeit in einem zarten grünen Gewand präsentieren, am besten mit schönem Blütenmuster! Doch das schönste Blütengewand kann die destruktive Alltagspraxis bestenfalls verhüllen, nicht jedoch verändern. Mein Weg zur Arbeit ist nicht sehr lang, doch er reicht aus, um einen Plan für die bunte Frühlingsaktion „Fulda blüht auf“zu entwerfen.

Warum?

1.) Weil der Weltbiodiversitätsrat empfiehlt, vermehrt in vorsorgende Maßnahmen zum Schutz der Natur zu investieren, um das Risiko zukünftiger Pandemien zu verringern.

 2.) Weil ich mich frage, und zwar jeden Tag an den gleichen Stationen auf dem Weg zu meiner Arbeit, warum nicht in Fulda?

Der Bericht warnt, dass Pandemien infolge der Naturzerstörung in Zukunft noch häufiger auftreten könnten. Die Ursachen für Pandemien sind die gleichen, die auch zum Verlust der biologischen Vielfalt beitragen – allen voran das Eindringen des Menschen in vormals intakte Ökosysteme (…) Wir müssen uns darum kümmern. Jetzt und hier. Sonst blüht uns, beziehungsweise unseren Kindern und Enkeln, noch etwas anderes als Tulpen auf Alibiblühstreifen.

Erste Station:

Zukünftig kein Radikalschnitt rings um das Schulgelände der Katharinenschule in Gläserzell Kein Auf-Stock-Schneiden mehr und keine dicken Mulch-schichten.

Die Praxis des Auf-Stock-Schneidens/Schreddern/Mulchen ist von einer Aura der Sinnhaftigkeit umgeben, die darin besteht, dass durch häufigen Gebrauch teurer Maschinen die Anschaffung desselben zu beweisen. Ökologisch gesehen ist sie jedoch eine Katastrophe. Dabei ist die Alternative einfach:

Gebüsch Gebüsch sein lassen. Die Kinder freuen sich über die Gänge und Höhlen, durch die sie während der Pause rennen und die Vögel erleiden keinen Schock, wenn zu Beginn der Brutzeit ihr Lebensraum plötzlich um die Hälfte dezimiert worden ist.

Ich habe freundlicherweise in die andere Richtung hin fotografiert.
Ich habe freundlicherweise in die andere Richtung hin fotografiert.

Zweite Station:

Gute fachliche Praxis statt brutaler Zerstörung, zum Beispiel entlang des Radwegs von Gläserzell nach Fulda: Einfach mal die ersten blühenden Sträucher im Frühjahr leben lassen, anstatt herauszureißen. Eine natürliche Bienenweide wäre auch eine Augenweide für die Menschen, die diesen Weg benutzen. Eine derart brutale Praxis des Abreißens von Sträuchern und Gehölzen an Wegesrändern verursacht für das nächste halbe Jahr Schmerzen- allein durch den grässlichen Anblick. (Bis dahin ist meistens etwas Gras über die Sache gewachsen). Diese Zerstörung lässt sich nicht durch Blühstreifen an anderen Stellen der Stadt kompensieren.

Dritte Station: Das gilt auch für das Betriebsgelände des Klärwerkes: Anstatt Hecken jedes Jahr weiter zurückzuschneiden, bzw. zu zerrupfen und Bäume zu fällen, bitte einfach aufhören, dies zu tun. Hier ist die ökologisch-soziale Kehrtwende ganz leicht zu bewerkstelligen, denn das Gelände gehört der Stadt. Wie wäre es denn, mit den Hecken und Bäumen einfach Sauerstoff für die Allgemeinheit und Lebensräume für Vögel und Insekten zur Verfügung zu stellen und ein Firmengelände mit Modellcharakter zu schaffen.  Beratung und Kooperation mit Naturschutzverbänden und soziale Arbeit mitgedacht.

Vierte Station:

Das Anlegen von illegalen Parkplätzen unterbinden. Dieser hier wird durch sukzessive Aufschüttung von Split Jahr für Jahr ein Stück weiter in die Wiese hinein. Angefangen hat es mit einem Platz für einen PKW. Mittlerweile ist Platz genug für mindestens vier.

Wie es tatsächlich dort aussieht, sehen Sie am Ende dieses Beitrags.
Wie es tatsächlich dort aussieht, sehen Sie am Ende dieses Beitrags.

Fünfte Station: Feldgehölze am Fuldaer Weg stehen lassen, anstatt sie alle zwei Jahre auf Stock zu schneiden. Sind blühende Weiden nicht die erste Nahrung im Jahr für Bienen? Im Sinne einer vernünftigen Klimapolitik wäre ein Monitoring zum Schutz von Feldgehölzen dringend nötig, am besten für den gesamten Landkreis. Meine Privat-Monitoring bringt ernüchternde Ergebnisse ans Licht: Zwar wird viel guter Wille bekundet, der sich manchmal in temporären Blühstreifen manifestiert, doch die Feldgehölze werden von Jahr zu Jahr weniger, die Lücken dazwischen immer größer und größer-bis die Landwirte endlich den absoluten freien Blick über all ihre Felder haben.

Ein schlimmes Beispiel ist der Milseburg-Radweg, z.B. an der Kreuzung nach Steinau.

Das Informationsschild „Feldgehölze als wichtiger Lebensraum“ ist ein idealer Ausgangspunkt für das Monitoring, und zwar in beide Richtungen.

Auf dem Foto sieht man noch im Vordergrund die Schlehen, dahinter ein Stück frisch entfernter Schlehenbüsche mit noch ein paar Bäumen im Hintergrund. Weiter Richtung Steinau werden dann die weiteren Lücken sichtbar. Wer den Weg oft fährt, kann diese den vergangenen Jahreszahlen zuordnen.

Sechste Station:

Bäume nicht mehr köpfen. Grausam sieht das aus. Diese Praxis verbreitet sich viral in den Köpfen aller Leute, die gerne mit der Säge arbeiten und hinterlässt brutale Spuren in immer mehr Privatgärten, auf Parkplätzen und an öffentlichen Wegen. Das Brüten für Vögel ist damit unmöglich gemacht und Insekten warten vergeblich auf die Blüten.

 Siebte Station:

Bäume stehen lassen, anstatt immer neue Gründe für ihre Fällung zu präsentieren. Die glaubt sowieso niemand mehr: Baustellenzufahrt in Horas- ich bin gespannt, von wo die Baustellenfahrzeuge alle angefahren kommen: über den Skaterpark sicherlich, deswegen mussten die schönen, gesunden und riesengroßen Bäume gefällt werden. Und von der anderen Seite über die Böschung, die wurde auch schon „rasiert“. Von der Brücke her auch, denn dort wurden auch mehrere Bäume gefällt.

Fotos vom kahlen Parkhaus sind ganz unten zu sehen.
Fotos vom kahlen Parkhaus sind ganz unten zu sehen.

 Achte Station:

Kletterpflanzen wachsen lassen, anstatt sie regelmäßig oberhalb der Wurzel zu kappen: Am Parkhaus Rosengarten mit den schönen Rankgittern ist es über die Jahre allmählich frustrierend zu sehen, wie die Kletterpflanzen am Boden regelmäßig gekappt werden.

Das Rankgitter steht hier nur symbolisch, ein Greenwashing-Symbol, welches suggeriert:

„Wir sind für Begrünung!“

 

Nur, dass eben das Wachsen in Wirklichkeit unterbunden wird. 

 Neunte Station:

An der Ecke Rosengarten/

Löherstraße stand früher das Herkules-Enkaufszentrum. Besonders schön war das nicht, doch im Eiscafe konnte man Anfang Mai unter blühenden Kirschbäumen sitzen. Die Kirschbäume stehen-noch. Alle anderen Bäume am Straßenrand sind gefällt, der Grünstreifen muss den neuen Betonkolossen weichen, die nun bis an den Gehweg heranreichen. Baugrund ist wertvoll, Begrünung nicht.

Schnell vorbei!

10. Station

Vorbei an Mc Donalds und seinen Außensitzplätzen an Schotterfläche. Schnell noch einen Blick auf die abgeholzten Bäume am Bäderpark werfen- ach wie schade!  Angeblich soll hier ein privat geführter Campingplatz hin. Hätten sich die Camper nicht über den Schatten gefreut?

11. Station

Fußweg hinterm Möbelhaus. Hier biege ich gerne ab, lasse die Straße hinter mir, werfe dem Holunderstrauch einen kurzen Blick zu und radle durch diese kurze Passage.

12.Station

 Nicht immer, aber leider viel zu oft, Arbeiter mit Laub und Dreckbläser, ich glaube sie gehören zum Osthessennetz Fulda (Energieversorger). Die Haltung des Arbeiters interessiert mich und ich erinnere mich an einen früheren Arbeitsplatz: Die Mitarbeiter haben sich um die Aufgabe des Hof-Kehrens regelrecht gestritten und ich musste vermitteln und für Gerechtigkeit sorgen, indem ich sie abwechselnd einteilte. Die Tätigkeit des Fegens habe ich immer als therapeutisch angesehen, diese gleichförmigen, fließenden Bewegungen, der Duft von Laub, die frische Luft…Gerne würde ich den Arbeiter mal ansprechen, doch er trägt Gehörschutz (im Gegensatz zu allen anderen Menschen im Stadtteil), er sieht nicht gerade entspannt aus und ich habe es eilig.

13. Station

Schleichweg an Hecken vorbei, im Garten eines Altersheimes sitzen Menschen unter grün bewachsenen Pavillons und schauen auf die Rosenbeete vor ihnen. Ich winke über die Hecke.

 14.Station und Ziel

Heute ist unser Betriebs-gelände dran, das heißt, Höllenlärm während der Mittagsruhe und Aufregung, weil „die da draußen die Büsche wegmachen, wo doch jetzt die Vögel brüten“. Anlass genug, das Gespräch mit dem Chef der Gartenarbeitsgruppe zu suchen. Er ist sehr nett und danach weiß ich: er hat erst kontrolliert, ob auch keine Vögel brüten. Die Technik des radikalen Rückschnitts hängt irgendwie mit der Maschine zusammen, die alle Äste und Zweige sogleich schreddert. Das System dieser Firma ist einfach so. Es ist ein Unternehmen für soziale Arbeit und ich frage mich, später im Stillen, wie es für die Mitarbeiter ist, so tagtäglich im Windschatten dieser lärmenden Maschine kleine Hilfsarbeiten zu erledigen. Aber das ist ein anderes Thema. Ich wollte mir einen Plan überlegen, wie was geändert werden kann. Und ich bin überzeugt davon, dass sich etwas ändern muss denn: Wie kann sich ein achtsames, verantwortungsvolles Grundverständnis von Natur bei den Menschen, hauptsächlich bei Kindern entwickeln, wenn sie ringsherum nur erleben, dass Gartenarbeit immer mit dem Einsatz lauter Maschinen verbunden ist, immer nur Bekämpfung und Zerstörung bedeutet?

Wie so oft ist es sinnvoll, das Rad nicht jedes Mal neu zu erfinden.

In unserem Fall, also wenn es darum geht, Fulda über die Blühstreifen hinaus bunt und grün werden zu lassen, schauen wir einmal, wie andere Kommunen mit Transformationsprozessen umgehen. In Darmstadt zum Beispiel gibt es einen ausgezeichneten Maßnahmenplan. Aus diesem habe  14 Punkte ausgewählt, die mir auch für Fulda wichtig und sinnvoll erscheinen:

Kommunales Maßnahmenprogramm 

 Biodiversität in Darmstadt, Schritte zur biologischen Vielfalt ,

1:1 übertragbar für Fulda, oder was spricht dagegen?

 

1. Umfassende Erhebung von Grundlagendaten zur naturschutzgerechten Stadtentwicklung.

 

2. Entwicklung eines intelligenten städtebaulichen Konzeptes, das kompakte Bauweisen, d.h. eine angemessene Siedlungsdichte und eine wohnfeldnahe Durchgrünung, integriert.

 

3. Nutzung der vielseitigen Möglichkeiten der Bauleitplanung, um Naturschutzziele stärker zu berücksichtigen, auch über gesetzliche Mindestvorgaben hinaus.

 

4.Naturnahe Umgestaltung von Spielplätzen, Schulhöfen und Außenanlagen von öffentlichen Gebäuden.

 

5. Kommunale Satzungen (z.B. Friedhofsatzung) und Pachtverträge daraufhin zu prüfen, ob naturschutzrelevante Inhalte festgelegt/verbessert werden können.

 

6. Verbesserung bestehender Gewässermorphologie.

 

7. Erhebung von Grundlagendaten zum Vorkommen von Pflanzen und Tierarten sowie Biotoptypen und Monitoring von Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen.

 

8. Konkrete Beiträge zum Artenschutz und zur Erhaltung der genetischen Vielfalt der Arten in einem kommunalen Arten- und einem Biotopschutzprogramm.

 

9. Entwicklung von Konzepten zur nachhaltigen Nutzung nachwachsender Rohstoffe auf regionaler Ebene, die in Einklang mit den Anforderungen des Naturschutzes stehen.

 

10. Intensive Öffentlichkeitsarbeit zur besseren Wahrnehmung der Bedeutung der biologischen Vielfalt.

 

11. Verstärkte Kooperationen mit vielen Partnern, um zusätzliche Synergien zu schaffen.

 

12. Umsetzungs- und Erfolgskontrolle aller Maßnahmenprogramme

 

13. Erstellen von Biodiversitätsberichten in regelmäßigen Abständen, in welchen die Entwicklung der biologischen Vielfalt dokumentiert wird.

 

14. Entwickeln eines Indikatorensystems, um den Ausgangszustand zu erfassen und dann in regelmäßigen Abständen Erfolge und Fortschritte zu dokumentieren.

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