Das war eine Plage

die Früchte der "Plage-Pflanze"
die Früchte der "Plage-Pflanze"

Wie ein Ohrwurm können auch einzelne Worte oder Sentenzen im Kopf umherspuken und die Frage, warum manche Sätze immer wieder auftauchen,

macht es nicht unbedingt leichter, mit solchen „Kopfwürmern“ umzugehen.

In einem Fall ist es mir gelungen, den Quälgeist beim Schopfe zu packen und ihn hierher zu schleifen, da ist er:

 

„Die waren eine Plage, glaub‘ mir!“

 

Es war im vergangenen Herbst und ich hatte das Glück, einer

kleinen, sehr eindrucksvollen Performance beizuwohnen. Eine Pfarrerin, deren Andachten oft mehr performative Anteile als Worte enthalten, stand im Garten des Gemeindezentrums, mit dem Rücken zum Haus und dem Blick zu der das

Grundstück begrenzenden Mauer. „Ich habe mich, nachdem die Brombeerhecke von der Mauer entfernt wurde, immer wieder und wieder, während ich an meinem Schreibtisch saß und meinen Blick durch den Garten schweifen ließ, gefragt:

„Was könnte ich auf diese Mauer schreiben?“ Ein Moment der Stille entstand und etwa zwei Dutzend Menschen schauten nun ebenso die Mauer an und stellen sich die gleiche Frage, eine Frage, von deren Existenz sie bis vor wenigen Minuten noch nichts wussten und die gerade, wie frisch geboren an diesem frühen Morgen,

plötzlich in allen Köpfen gleichzeitig da war.

Ich war mal wieder stark beeindruckt, wie es die

Pfarrerin  wieder geschafft hatte, so starke Bilder in meinem Kopf aufblitzen zu

lassen. Immer sehe ich ihre Bilder, ihre Andachten, als Geschenk, denn meistens

bleibt nicht nur das Bild in meiner Erinnerung nachhaltig präsent, sondern auch

der Subtext, eine Botschaft, die wohl subjektiven Interpretationsspielraum haben mag, aber sicher auch kollektiv verständlich ist. Für mich, an diesem Morgen, lautete dieser Subtext: „Du hast Freiräume, wenn du sie wahrnimmst.

Du kannst sie wahrnehmen, wenn du über den Tellerrand hinausschaust, auch ungewöhnliche Wendungen als Geschenk betrachtest und einen offenen Geist bewahrst. Nicht ablenken lassen von alltäglichen Nichtigkeiten, denn nur in der Balance zwischen starker innerer Zentrierung und gleichzeitig nach außen

gerichteter Weltoffenheit liegt das wahre Potential zur Freiheit.

Wir standen eine ganze Weile so da, jeder mit seinen eigenen Gedanken, ganz still und bewegungslos und schauten die Mauer an.

Dann ging Die Pfarrerin langsam auf die Mauer zu, nahm, als sie direkt davor stand, eine Sprayflasche mit weißer Farbe aus ihrer Handtasche und sprühte das Wort

JA

 

an die Wand. Eine eindrucksvolle Performance, oder eine Brise, wie sie selbst solche Aktionen nennt. Später sagte ich ihr: „ Ich könnte mir vorstellen, dass Du vielleicht, auch, JA zu den Brombeeren gemeint hast….“ Doch ihre Antwort war: „Nein, glaube mir,

die waren eine Plage

Ich stellte mir vor, wie diese Hecke vorher ausgesehen hatte, bevor die Sicht auf die Mauer frei wurde. Eine hässliche Betonmauer. Erinnerungen an den vergangenen Spätsommer kamen mir in den Sinn, wie ich in unserer Straße an einem frühen Sonntagmorgen einen kleinen Eimer voll Brombeeren gesammelt und am nächsten Tag an der Arbeit Marmelade gekocht hatte. Meine Arbeit war die sinnvolle Beschäftigung von Senioren. Nach dem heißen Sommer waren die Beeren unglaublich dick und süß und voller Aroma. Ich war froh, dieses Stück Wildnis direkt vor meiner Tür zu haben.

Ein Kleinod, sozusagen. Niemand außer mir schien diese Oase der köstlichen Beeren zu sehen. Normalerweise müssten sich hier die Beerensammler doch dicht an dicht drängen. Doch die Interessenten für diese Delikatessen waren ausschließlich gefiedert.Tatsächlich war diese Hecke von Scharen von Vögeln bevölkert. Eine ältere Dame, die am nächsten Tag mit mir Marmelade kochte, sagte: „Ich habe so viele Jahre keine Beeren mehr gesammelt und keine Marmelade mehr gekocht, aber diese Brombeeren-oh also, wenn Sie nächstes Jahr wieder sammeln, ich würde mitgehen!“

Ja und jetzt im Frühjahr waren die städtischen Gärtner mit

Bagger und schwerem Gerät in der Brombeerhecke. Ich habe sie von meiner Terrasse aus gesehen und gehört. Nach dem Maschineneinsatz dauerte es etwa zwei Wochen, bis ich wagte, in die Nähe zu gehen, denn ich befürchtete, die Hecke

wäre entfernt worden.

Doch schließlich ging ich die Straße entlang bis zur

Brombeerhecke- sie war noch da. Dezimiert, aber immerhin lebt sie noch. Ich frage mich immer wieder, warum die Menschen um mich herum die Pflanzen nicht einfach wachsen lassen können. Verstehen Sie mich nicht falsch- auch ich schneide die Hecke, wenn diese zum hoch wird oder über die Grundstücksgrenze hinausragt. Doch ich beobachte immer mehr, dass scheinbar geschnitten wird um des Schneidens willen- oder um des Erntens willen- schließlich ist Biomasse als Produkt gefragter denn je. Doch darüber habe ich schon so oft geschrieben: Flurbereinigung mit tödlichem Ausgang oder Leben im Rohstofflager…

Ich frage mich auch: Wie wirkt sich das Leben ohne „Wildnis

„auf die Menschen aus? Mit Wildnis meine ich lediglich die kleinen Ecken, Feldränder, Brachen oder Vorgärten, in denen naturbelassenes Wachstum erlaubt ist, wo nicht alles „durchnummeriert“ ist.

Ja, ich weiß, warum mich diese Frage verfolgt: weil ich anders aufgewachsen bin, nämlich mit Wald, Feldern, Flussufern

und verwunschen-verwachsenen Wegen, die ich als Kind allein oder mit anderen Kinder durchstreifte. Prägende Erinnerungen. (siehe: Spuren der Liebe) Heute habe ich einen „naturbelassenen Garten“, der mir eine wundervolle Lebens-und Gedankenschule sowie eine unerschöpfliche Quelle der Freude ist- solange ich nicht die Nachbargärten betrachte, denn die Stein-und Schotterwüsten tun, was alle Wüsten tun: sie breiten sich aus. Jeder hat einen anderen Grund, diesen Strauch oder jenen Baum zu entfernen- und so oft höre ich diesen einen Satz:

Glaube mir, das war eine Plage….

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