Spuren der Liebe Teil 2

Über meine Rolle als Nachfolgerin schrieb ich im September in

Teil 1. Im zweiten Teil geht es auch um Nachfolge, doch aus einer anderen Perspektive. Was ist, wenn sich nicht alles regeln lässt?

Freude und Dankbarkeit statt Wehmut und Traurigkeit-geht das?


Ich wohnte schon einige Jahre in dieser Stadt, bis ich das Tuchlager zum ersten Mal betrat. Vorbeigegangen war ich schon oft, doch das Schaufenster war dermaßen altmodisch und die dort ausgestellten Herrenhosen (Ü-siebzig Herrenmode in unzähligen Grau-und Beigetönen) fand ich wirklich abscheulich. Was mich genau bewogen hat, den Laden doch einmal zu betreten, weiß ich nicht mehr genau. Das Schaufenster zog mich ja zunächst nur wegen seiner Hässlichkeit an, doch irgendetwas muss ich wohl darin entdeckt haben und so trat ich ein.

. Von nun an ging ich in kein anderes Geschäft mehr, um Knöpfe, Garn oder Stoff zu kaufen. Das Innere des Ladens fand ich nämlich umwerfend charmant und schön. Die bis zur Decke reichenden Regale waren so reichhaltig gefüllt, dass man wahrscheinlich Stunden brauchte, um alle Stoffe anzusehen. Das waren aber keine altmodischen Muster und Farben, sondern gute Qualitäten in allen Varianten. Hosen sah ich zum Glück keine.

Die Ladentheke aus Holz sah uralt aus. Eine Kasse gab es nicht. Hier wurde mit Stift und Zettel gerechnet.

Ein älterer Mann führte das Geschäft ganz allein. Er war flink, mäßig freundlich und beeindruckend sachkundig- und er hatte gute Preise.

Wie gesagt, ich ging nur noch zu ihm, wenn ich mal etwas zum Nähen brauchte, was nicht allzu oft vorkam.

Eines Tages sah ich erschrocken ein Schild mit großen, roten Buchstaben im Schaufenster prangen: RÄUMUNGSVERKAUF.

Oh nein, dachte ich, jetzt ist es soweit, jetzt macht er den Laden dicht ! Doch als ich näher kam, las ich, dass er, lediglich anlässlich des 115ten Jubiläums (!)20 Prozent

Rabatt auf alle Herrenhosen gewährte. Oder waren es sogar 30 %? Beim nächsten Besuch in seinem Laden erzählte er mir, dass er diese Herrenhosen eher zufällig erworben habe, dies aber nicht sein Kerngeschäft sei.

Die Hosen stammten aus der Konkursmasse eines

Geschäftspartners. Gott sei Dank, dachte ich, dass er nur den Hosensektor aufgibt! Trotz Rabatt zog sich der Verkauf der Hosen mehrere Jahre hin, was mich ehrlich gesagt, nicht verwunderte. Doch meine Verwunderung über die, nach meinem Empfinden, immer moderner und vielfältiger werdende Auswahl wandelte sich in den letzten Jahren in Bewunderung: Der Alte hat es echt drauf, dachte ich. Sogar im Schaufenster konnte man dies deutlich sehen.

Da ich oft an dem Geschäft vorbei fuhr, bekam ich immer mal wieder einen Schreck, wenn ich einen hand-geschriebenen Zettel an der Tür hängen sah. Doch, nein, es drohte keine endgültige Schließung, nur „Bin in Reha bis….“ Kein Urlaubsschild habe ich je hängen sehen, der Laden wurde nur aus Krankheits- oder Reha-Gründen geschlossen. Jedesmalig war ich erleichtert, denn ich hatte diesen Laden ins Herz geschlossen wie ein wertvolles Erinnerungsstück an meine Kindheit. Wenn ich Freunde von außerhalb durch die Stadt Fulda führe und all meine Lieblingsorte zeige, ist das Tuchlager immer dabei. Verstehen können es, glaube ich, die wenigsten.

In diesem Jahr nun war es nun endgültig soweit, in großer roter Schrift prangt die Nachricht aus dem Schaufenster: Räumungsverkauf wegen

Geschäftsaufgabe.

„Wie lange soll ich denn den Laden noch weiterführen- ich werde dieses Jahr 80!“

All seine Bemühungen, einen Nachfolger zu finden, waren erfolglos geblieben.

Das wäre mir natürlich am liebsten gewesen:

Er kann in seinen wohlverdienten Ruhestand gehen und irgendein Nachfolger fällt vom Himmel und führt den Laden genauso weiter wie die letzten 117 Jahre. Doch bis jetzt ist niemand dergleichen in Sicht.

Meine Besuchsfrequenz erhöhte sich und ich nahm mit Erstaunen zur Kenntnis, dass es ihm nichts ausmachte: „Was ich bis zum Jahresende verkaufe, ist weg und den Rest verkaufe ich an einen

Konkursaufkäufer und dann ist Schluss, das ist der Lauf der Dinge.“ meinte er lächelnd. Auf der alten Holztheke lagen Flyer: Werbung für die Neueröffnung eines Stoffgeschäftes irgendwo in der Stadt. „Sie legen hier Werbung für Ihre Konkurrenz aus ?“

„Ja, warum denn nicht, ich bin doch sowieso bald nicht mehr da“, antwortete er und lachte.

Bei meinem nächsten Einkauf schaute ich mich staunend um und fragte: „Sie haben ja eingekauft, hier liegen doch

so viele neue Stoffe!“

„Ja, ich konnte nicht anders“

war die Antwort und die Begründung hing wieder mal mit der Konkursmasse eines Geschäftspartners zusammen. Zwei Monate vor der Geschäftsaufgabe kauft er also noch mal Stoffe in den aller schönsten Herbstfarben….. ja warum eigentlich nicht?

Genau betrachtet war das ja richtig: Wenn ich etwas tue, egal was, und mein ganzes Herz hängt daran und ich tue es mit Freude und Leidenschaft, dann sollte ich dies bis zum Ende tun: Freude statt Wehmut und Traurigkeit, das ist doch ganz logisch, oder?

An diesem Tag lud ich ihn als Gast in mein Erzählcafé ein, der Termin ist im November, das Thema lautet: Der Laden-Hüter.

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