Kreativ mit Text und Schrift

"Linie ist ursächlicher Ausdruck von Bewegung. Jede Art von Bewegung erzeugt genau betrachtet eine Linie."

Elke Frieling in "Therapiewege im Formenzeichnen"

Wenn ich in der Seniorenarbeit mit Schrift und Text arbeite, verwende ich Lockerungsübungen und bestimmte Aufgaben um die Senioren in Schwung zu bringen und die Lust an der eigenen Bewegung zu spüren. In der Silberschmiede bestand die Aufgabe darin, den eigenen Vornamen möglichst schwungvoll und groß, ohne Absetzen, wieder und wieder auf den mit Papier gespannten Tisch zu schreiben. Gut geeignet sind hierfür dicke Buntstifte oder Wachsmalstifte. Wer kann, soll beide Hände benutzen. Das Resultat ist unwichtig, spielen Sie Fangen auf dem Papier!

Die Bewegung, der beidseitige Einsatz der Hände und das gemeinsame Lachen regt die Gehirnzellen an, macht wach und stiftet eine wohlwollende Vorfreude auf das, was da kommen mag.

 

Zum Beispiel das gute alte Poesiealbum!

 Immer wieder ein gutes Thema, um darüber zu reden. Mitgebrachte Alben werden gern angeschaut, Sprüche zitiert und Erinnerungen ausgetauscht.

Doch Schreiben? Muss nicht unbedingt sein.

Meistens höre ich: "Ich bin aus der Übung" oder meine Schrift ist so krakelig geworden. Oder: "Ich weiß nicht, was ich schreiben soll"

Nun habe ich mir ein nagelneues Album gekauft, ein Buch mit "Den besten Sprüchen fürs Poesiealbum" habe ich geschenkt bekommen.

"Bitte, schreiben Sie mir etwas in mein Album!"

Wer jetzt noch Angst vor dem Tintenklecks oder Schreibfehlern hat, kann ja dein Spruch zunächst auf einen Zettel schreiben und dann entscheiden, ob  es gut genug ist um in das Album einzukleben. Und siehe da, es wurde noch keine Zeile verworfen und das Gefühl, mal wieder mit einem Federfüllhalter zu schreiben, empfanden alle als sehr angenehm! Die Befürchtung, etwas nicht gut genug zu können, ist weit verbreitet. Deswegen empfiehlt es sich immer wieder, zu spielen, denn im Spiel ist alles nicht so ernst gemeint- es ist ja nur ein Spiel!

 

Spiel mit Worten

Ein guter Einstieg in das Spiel mit Worten ist das erste eigene Elfchen !

 

Dabei handelt es sich ist ein Gedicht in einer vorgegebenen Form mit elf Wörtern. Nehmen Sie ein x-beliebiges Wort, aus einer Zeitung oder zu einem bestimmten Thema....

 

So geht’s:

1.Zeile: Ein Wort (Gedanke, Gegenstand, Farbe etc.) 

Giraffen

 

2. Zeile: Zwei Wörter (was macht das Wort aus 1?) 

wollen immer

 

3.Zeile: Drei Wörter (wie oder wo ist 1?) 

saftige Früchte naschen

 

4. Vier: Wörter (Meinung) 

Oh so weit oben!

 

5. Zeile: Ein Wort (Fazit) 

          Himmlisch!

 

Und hier noch ein zweites Beispiel:

 

Wolf

lauert oben

schmiedet fiese Pläne

mag keine saftigen Früchte

Autsch !

Und schon sind wir mittendrin in einem Elfchendialog, wie man sieht. (weil die beiden Elfchen  thematisch aufeinander folgen) Folgende Elfchen sind ohne Themenvorgabe in einer Gruppe entstanden...................

 

Ein Elfchen zu schreiben geht relativ leicht und macht Spaß. Es bleibt zu überlegen, ob jeder für sich schreibt, oder zu zweit- ob man ein gemeinsames Gruppenthema wählt, oder ein beliebiges Thema aufgreift. Das kann mitunter sehr erfrischend und inspirierend sein,  man ist ja dann erst mal von eigenen Befindlichkeiten(und vielleicht Problemen) abgelenkt.  Verschiedene Wörterfundgruben geben hierfür gute Impulse:

Liegengebliebene Wörter

„Unter dem Schreibtisch der Gebrüder Grimm sind ein paar Worte liegengeblieben. Die Worte sind wahrscheinlich heruntergefallen. Nun liegen sie da und ärgern sich. Sie möchten gern in ihr Märchen zurück!

Vielleicht gelingt es dir, aus den liegengebliebenen Wörtern ein richtiges Märchen zu schreiben?“ Die Worte lauten:

Küchenschrank, Zwiebel, Er wunderte sich sehr, Mondlicht, Magd, Taschentuch, Maus, Reiskorn, Schnürsenkel, Da lag aber noch, In diesem Augenblick, Tintenfass, Schüssel, Alter Fuchs..... 

aus :“Kinder &Märchen“ von Gabriele Seitz.

 

Auch unter anderen Schreibtischen kann man sich liegengebliebene Wörter vorstellen, z.B. die Namen einiger Schmetterlinge: Federgeistchen Mondvogel Zimtbär, Harlekin, Mauerfuchs, Trauermantel, Landkärtchen

Ameisenbläuling...Oder die Namen verschiedener Nutztierrassen: Deutsche Lachshühner, Coburger Fuchsschaf, Andalusischer Riesenesel, Sattelschwein usw. 

Oder Ortsnamen… 

Wortschätze-

Gibt es zu finden unter der Rubrik“ Mein Wortschatz“ in der „Zeit“. Mittlerweile gibt es in Buchhandlungen Sammlungen der Begriffe bereits in Form von Taschenbüchern und Kalendern.

Meine Buchempfehlung: „Muckefuck und Sendeschluss- Wörter außer Betrieb“ , Langenscheid Verlag

 

Gestrandete Wörter-

so nenne ich die zufällige Ansammlung von Begriffen auf Einkaufs-und Notizzettel, die wunderbare Impulse ausstrahlen, neue Zusammenhänge zu erfinden. Beispiele aus meiner persönlichen Fundkiste: „Schlafanzug, Tanken,

Münchberg“ oder „Huhn schlachten! Ich liebe Dich!“ Wenn Sie Kuriositäten lieben, sollten Sie beim Einkaufen nach

weggeworfenen Zetteln anderer Leute Ausschau halten.

Wenn Sie außerdem noch gerne besonders schöne, interessante oder sonderbare Worte, Überschriften oder Begriffe aus Zeitschriften ausschneiden, sind Sie gut ausgerüstet, sich an erste DADA- Gedichte zu wagen!


Rezept für DADA- Gedichte

 

Variante 1:-a la Herta Müller:

Wörter und Geschichten neu zusammensetzen aus dem, was man bereits hat ("Du kannst doch nicht ständig Vokale kaufen." H.M.)

Wörter oder Silben aus Zeitschriften oder sonstigem Schriftmaterial neu zusammensetzen und so einen neuen

Sinn und Bedeutungsgehalt zu schaffen. Diese, derart gewonnenen Texte sind eigentlich Collagen. Ob fehlende Wörter handschriftlich eingefügt werden dürfen, liegt in der Entscheidung der „Gedichteköche“ wie zum Beispiel hier:

 

Ausgeschnittene Wörter können Sie auch  mit eigenen, handschriftlich hinzugefügten Wörtern ergänzen.

Das macht Sinn, wenn nicht genügend "Material" vorhanden ist oder einfach, weil ein Lückentext auch eine Herausforderung ist, der Sie sich alleine, zu zweit oder in kleinen Gruppen stellen können.

 

 

Rezepte für DADA- Gedichte,

Variante 2:

Mehrere Wörter werden per Zufallsprinzip ausgewählt (siehe Wörterfundgrube), ausgeschnitten,

in einen großen Becher gefüllt, geschüttelt und auch einen Tisch geworfen. Nun müssen sie, ähnlich wie beim Wörterwürfeln (wo aus Buchstaben Wörter gebildet

werden), ein sinnvoller Text entstehen, der sich entweder reimt, einen neuen,

überraschenden „Sinn“ enthält, einfach nur gut oder poetisch klingt…oder…

 

Variante 3: Lautgedichte auch Lautpoesie genannt a la Hugo Ball u.a. Hierbei kommt es nicht auf den Inhalt, sondern einzig und allein auf den Wohlklang an. Man nehme Silben oder einzelne Buchstaben, die man entweder ausschneidet (siehe oben) oder im Würfelspiel „gewinnt“. Es bleibt Ihnen überlassen, ob Sie voller Experimentierfreude ein neues Kapitel in der Verslehre (Metrik) erfinden möchten, oder auf altbewährte Regeln (siehe z.B. 1 und 2) zurückgreifen möchten: Ihr Takt- und Rhythmusgefühl wird hierbei ebenso stark angeregt werden wie Ihr Sinn für Ästhetik. 

Manchmal wird auch Musik daraus-Hee Jah Hoh.....


Rezept „Black out- Poetry“

Nehmen Sie einen Text aus einer Zeitung oder einem Buch und kringeln die schönsten Worte ein, die Ihnen auf Anhieb ins Auge springen (eine bestimmte Anzahl vorher

festzulegen ist sinnvoll, aber kein Muss) Handeln Sie rasch, ohne viel Nachdenken oder Abwägen. Danach den restlichen Text schwärzen (mit dickem Filzstift) In die nun entstandenen leeren schwarzen Flächen können Bilder eingeklebt werden, die als Illustration des entstandenen Textes passen.

Einfach einmal ausprobieren und möglichst nicht viel Nachdenken, sondern dem Bauchgefühl viel Raum geben!

 

Je nach Belieben gibt es natürlich noch viele andere Gedichtformen wie Limericks und Haikus usw. Darauf gehe ich hier nicht ein, denn ich möchte lediglich ein paar Erfahrungen im kreativen Umgang mit Text und Schrift mit Anderen teilen. Hier sind noch einige Gedanken zum Erfinden von Geschichten:


Black Out Poetry mit überklebtem Bild- auch als Impuls für eine erfundene Geschichte geeignet
Black Out Poetry mit überklebtem Bild- auch als Impuls für eine erfundene Geschichte geeignet

Rezepte für kurze Geschichten:

Variante 1:

Ein Foto, eine Postkarte oder ein Bild aus der Zeitung, welches Ihnen sehr gefällt oder sogar unerwartete Gedanken wachküsst, soll den Anfang einer Geschichte beschreiben. Gut geeignet, um einen Kalender zu gestalten. Das Bild und der Anfang der Geschichte bilden dabei das jeweilige Titelblatt. Beispiel: „An einem heißen Sommerabend schlich ich mich von meinen Hausaufgaben weg in den Garten. Ich schaukelte im Stehen und erreichte langsam Höhe als mit einem Mal....“

 

Variante 2:

 Gestrandete Wörter oder Begriffe (siehe Wörterfundgrube) bilden die Grundlage einer Geschichte. Hier ist viel Fantasie und Humor gefragt, denn die Zufälligkeit der gewählten Begriffe bringt oft absurde Geschichten hervor. Wenn Sie diese Dynamik noch steigern möchten, mischen Sie ruhig Begriffe aus den verschiedenen Sparten. Beispiel:

Federgeistchen (Schmetterlingsart) und Suchmaschine (Computersprache)


Manchmal sind es auch die kleinen Begegnungen im Alltag, die zu fantasievollen Geschichten inspirieren: Einmal habe ich unsere Katze Sammy im Büro erwischt, wie sie gerade ganz langsam über die Tastatur meines Laptops stolzierte. Nachdem ich sie weggescheucht hatte, las ich: 

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Was wollte Sammy schreiben?

Dieses Beispiel führe ich an, weil es oft die kleinen Dinge des Alltags sind, die in Wirklichkeit wunderbare Geschenke sind, zum Beispiel der Anfänge von Geschichten ....

Neben gemeinsam erfundenen Geschichten die man eher zum Vergnügen oder zum Verschenken schreibt, könnte man sich auch an ernsthafte Projekte wagen, zum Beispiel ein Erinnerungsbuch

Eine sehr gute Vorlage bietet das Buch "Oma erzähl' mal" von Elma van Vliet. Suchen Sie sich ein Thema aus und beginnen mit einem Kapitel. Dies könnte der Anfang eines gemeinsamen Buches innerhalb der Gemeinde sein, z.B. zum Jubiläum der Schule etc. Als privates Geschenk stellt ein solches Buch- oder Büchlein einen unschätzbaren Wert dar!

 

Geschichtenlandkarte

 

Ebenso könnte eine Chronik des Stadtteils entstehen- mit markierten Stellen auf dem Stadtplan oder einer Landkarte. Erinnerungen, Geschichten, Lieder, Rezepte und historische Daten können gesammelt und niedergeschrieben werden. Auch hier gilt: Eine Thema, ein Konzentrationspunkt, sonst verzettelt man sich leicht. Beispiel:

Zeitzeugenberichte zum Mauerbau/Fall der Mauer. Eine schöne Aufgabe, die gleichermaßen Gemeinschaft stiftet und die eigene Identität stärkt.