Wie man Märchen und Geschichten erfinden kann

Vom Vater hab' ich die Statur,


des Lebens ernstes Führen,


vom Mütterchen die Frohnatur


und Lust zu fabulieren.

 

Johann Wolfgang Goethe

Das gemeinsame Erfinden und Erzählen von Geschichten und Märchen ist, wie ich finde, ganz wunderbar geeignet, um Körper, Geist und Seele etwas Gutes zu tun, also das Leben zu bereichern. Der schöpferische Prozess kann dabei sehr gut erlebt werden. Eine sehr wichtige, wohltuende Qualität ist das Erleben der eigenen Kreativität und dass diese Erfahrung mit anderen Menschen geteilt wird; und erst durch die gegenseitige Inspiration ermöglicht wurde. Eine Literaturempfehlung für alle, die noch Restzweifel bezüglich des Umgangs mit Märchen haben ist „Kinder brauchen Märchen“ von Bruno Bettelheim.

An dieser Stelle sollen einige Methoden vorgestellt werden, die auch Unerfahrene ermutigen soll, das gemeinsame Fabulieren auszuprobieren. Methode 1 und 2 beziehen sich mehr auf das Erfinden von Märchen, Methode 3 ist für alle möglichen Geschichten geeignet. Abwandlungen und Improvisationen sind natürlich möglich.

1.  Märchen auf der Basis vorgegebener Stichworte

2.  Märchen mit einem realen, biografischen Hintergrund

3.  Märchen und Geschichten mit Hilfe fantasieanregender Materialien erfinden

 

Nummer 1: Märchen auf der Basis vorgegebener Stichworte

Diese Methode ist gut geeignet, wenn in der Gruppe noch keine Erfahrungen im gemeinsamen Geschichten-Erfinden vorhanden sind.

Die vorgegebene Struktur aus Wörtern und Begriffen gibt Sicherheit, der spielerische, experimentelle Charakter dieser Methode weckt die Neugier und die Lust am Ausprobieren.

In der Silberschmiede in Fulda am 7. Mai 2015 entstand auf dieser Methode das Märchen Die alte Frau und der Kater: In der Vorstellungsrunde wurde jede Teilnehmerin gebeten, zum eigenen Namen ein Tier mit dem gleichen Anfangsbuchstaben zu nennen. Die Namen der genannten Tiere wurden auf Kärtchen notiert und für später aufgehoben. Noch wurde nicht verraten, zu welchem Zweck die Namen gesammelt werden und lediglich der Aspekt des Gedächtnistrainings erwähnt. (Einen Begriff nennen und sich gut merken, verbunden mit dem Hinweis, später darauf zurückzukommen.

Das Team der Silberschmiede hat den Titel des Märchens „Der treue Begleiter“ vorgegeben. Die Überlegungen hierbei waren, dass Tiere in Märchen generell oft vorkommen und mitunter sehr wichtige Rollen spielen. So kommt es beispielsweise häufig vor, dass die Protagonisten im Märchen  von Tieren unerwarteten Beistand und Hilfen erfahren. Auch für „Märchenunerfahrene“ sollte somit der Einstieg möglichst leicht gemacht werden.

Im Gespräch über die Arbeit mit Märchen erarbeiteten wir gemeinsam die Grundstruktur eines Märchens. Die einzelnen Stichworte (hatten wir vorbereitet, d.h. auf Karten geschrieben) wurden dann gemeinsam mit den anfangs gesammelten Tiernamen an die Pinnwand geheftet:

Gliederung:

 

- Die Hauptperson, (soll schon alt sein, weil es an diesem Abend um die Arbeit in Seniorengruppen ging) Persönlichkeitsmerkmale, Name, persönliches Umfeld (mit wem lebt die Person zusammen) Verhaltensmerkmal, z.B.: hilfsbereit und freundlich…Eventuell: Beruf oder Lieblingstätigkeit, was sie besonders gut kann- aber auch die "Schwachen Seiten" z.B.: Angst, Krankheit, Handicap

- spezielle schwierige Situation

- Aufgabe

- Helfer, magisch oder real

Begegnung mit einem Helfer/Begleiter, im Traum oder real, soll in diesem Fall ein Tier sein oder einem tierischen Wesen ähnlich

- Abenteuer, Erfüllung der Aufgaben

- Gutes Ende

Die Teilnehmerinnen wurden nun aufgefordert, spontan ein gemeinsames Märchen zu erfinden, indem immer eine Person einen Satz sagt und eine andere Person den Faden weiterspinnt, also nicht der Reihe nach, sondern auf Zuruf.

Die Geschichte wurde mitgeschrieben und zu Hause noch einmal in Form gebracht.

Fazit: Die Anwendung dieser sehr freien Methode setzt ein gewisses Maß an Toleranz gegenüber der Ergebnisoffenheit voraus. Es besteht immer das Risiko, dass am Ende „wenig“ rauskommt oder etwas völlig Unerwartetes. So könnte es zum Beispiel passieren, dass nur eine kleine, unbedeutende Geschichte dabei entsteht oder die Teilnehmer, aus welchen Gründen auch immer, keine rechte Lust und Freude am Fabulieren entwickeln. Andererseits bietet diese Methode mehr Freiraum für die eigene Fantasie und Imagination wie keine andere. Die Begriffe und die Themenauswahl kann man variieren, je nach den Bedürfnissen und Interessen der Teilnehmer. Ein gewisses Maß an Vertrautheit innerhalb der Gruppe ist also Voraussetzung für diese Methode.

Nummer 2 Märchen mit realem, biografischem Hintergrund

Wenn ich in einer Gruppe ein Märchen mir biografischem Hintergrund entstehen lassen möchte, sollte einige Vorbereitungszeit eingeplant werden. Der Umgang mit Märchen darf hier kein Neuland sein, Kontext und Rahmenbedingungen müssen für ein gutes Gelingen aufmerksam bedacht werden. Der sensible Umgang mit biografischen Daten und den Prinzipien einer guten Biografiearbeit stehen oberste Priorität zu! Das Risiko, verschüttete Traumata loszulösen, kann ich verringern, wenn ich die Aufgabenstellung unter ein positives Licht setze, also Hauptaugenmerk auf die magischen Helfer, das gute Ende und die Erinnerung an die eigenen Kräfte, welche in schwierigen Situationen freigesetzt wurden. Ein vorgegebener Titel mit positiver Konnotation ist keineswegs ein Einschnitt in die künstlerische Freiheit, sondern schlicht und einfach ein notwendiger Schutz.

Die Vorgehensweise wie bei Methode 1, jedoch mit einigen Ergänzungen, nämlich den biografischen Sequenzen.

Variante 1: In der Gruppe werden gemeinsam generationstypische biografische Merkmale gesammelt, z.B.: Heimat, Verlust der Heimat, Vertreibung, Krieg, Not, Leid, Hunger, Neubeginn, Liebe, Für die Familie sorgen, besondere persönliche Anekdoten und Erlebnisse. Nun kann ich, unter Berücksichtigung eines größeren Redebedarfs und Austausch in der Gruppe, vorgehen wie in Methode 1, also gemeinsam das Märchen ersinnen. Kleingruppenarbeit ist auch gut möglich, intergenerative Projektarbeit ebenso.

Der besondere Reiz biografischer Märchen besteht zum einen im hohen Identifikationsgrad mit der Geschichte („da wird einem ganz warm ums Herz“) und zum anderen die Möglichkeit, diese Methode für sich selbst, für die eigene Erinnerungsarbeit anzuwenden. Hier ein, wie ich finde, sehr berührendes Beispiel: http://www.blautor.de/vita-und-werke/irene-kersting/die-butterblumenkoenigin.htm

 

Variante 2: Ein Lebenslauf wird exemplarisch zur Bearbeitung gewählt und in ein Märchen umgewandelt. Literaturempfehlung: „Sieben auf einen Streich!“, ein Konzept für praxisbezogene Aktivierungen anhand von Märchen, sowie eine biografische Märchenerzählung aus der Arbeit mit älteren Menschen mit Demenz, http://www.caritas-sozialstation-nbg-nord.de/


Nummer 3: Märchen und Geschichten mit Hilfe fantasieanregender Materialien erfinden

Wem die Methode Nummer 1 gut gefällt, sich aber dennoch unsicher fühlt, sind fantasieanregende Materialien gerade richtig. Solche Materialien kann man bei entsprechenden Verlagen einkaufen oder selber machen:

Ausgangspunk für eine Geschichte, die zusammen erfunden werden soll, können beispielsweise Fotos und Ansichtskarten sein. Am besten sind solche Motive geeignet, die nicht eindeutig im Motiv sind, also irgendein ungewöhnlicher Moment dargestellt ist. Zum Beispiel: „Eine Katze sitzt auf Klettergerüst und schaut runter“. Frage: was ist hier passiert?

Abbildung 1: Wer sind dies Leute und was haben Sie vor?

Abbildung 2: Was macht die Frau unter dem Esel?

Als gut geeignet gilt alles, was Neugierig macht, eventuell in Form eines Rätsels daherkommt, siehe Abbildung 3.

Der Vorteil selbst gesammelter Bilder aus Zeitschriften, Flohmarkt etc. liegt neben den geringen Kosten darin, dass ich mich selbst viel besser in meine, individuelle Vorgehensweise einfühlen kann, weil ich die Auswahl getroffen habe. Probieren Sie es aus! Den besten Geschichten liegen nicht unbedingt die teuersten Aktivierungsmaterialien zugrunde, sondern das gut gestaltetet, vertrauensvolle Umfeld und eine kreative Stimmung. Das können auch einzelne, übriggebliebene Puzzleteile sein, die Betrachtung abstrakter Kunstwerke oder ein „Neun-Wörter-Geschichtenwettbewerb“ Siehe: Sommerworkshop

Ein sehr beliebtes Ratespiel ist das Sätze-Bilden nach dem Alphabet. Literaturempfehlung: Fischers Fritzes ABC, Pixi- Buch aus der Serie 138, Nummer 1187, ISBN 3-551-05738-9, 0,95€. Hier einige Textauszüge:

…klaut kleinen Krokodilen Kokoskekse….oder:

…hängt hungrigen Haien Hasenfutter hin… Spaß und Lachen wirken auf unsere Gehirnzellen immer wieder anregend und erfrischend.

Zu guter Letzt noch etwas für alle, die auf „Nummer Sicher“ gehen wollen und gerne spielen:

Der Märchenzauberwürfel (entdeckt in „Kleine Pädagogik des Märchens“, S. 19 f; www.maerchenpaedagogik.de)

Vorarbeit: 6 Würfel basteln oder fertig kaufen , z.B. bei Winkler-Schulbedarf, www.joypac.de)

Erster Würfel: Der Handlungsort (sechs Handlungsorte ausdenken)

Zweiter Würfel: Der Märchenheld:(sechs mögliche Hauptfiguren)

Dritter Würfel: Der Widersacher (sechs mögliche Widersacher)

Vierter Würfel: Aufgaben ( wieder sechs verschiedene Möglichkeiten)

Fünfter Würfel: für die Magischen Helfer

Sechster Würfel: für die Belohnung reserviert.

Spielverlauf: „Nach Fertigstellung der Würfel würfelt jeder und notiert sich seine Vorgaben. Mit diesen muss dann ein Märchen erdacht und erzählt bzw. aufgeschrieben werden. Nach Möglichkeit sollen auch selbst ausgedachte Märchenformen zur Verwendung kommen. Wenn die Märchen fertig sind, werden zunächst die gewürfelten Vorgaben vorgelesen und dann das selbst verfasste Märchen erzählt. Insgesamt sind 46656 verschiedene Kombinationen möglich.“

Das Würfelspiel ist in exzellenter Weise für intergenerative Begegnungen geeignet.

Wenn ich meine  visuellen und kognitiven Anregungen  noch zusätzlich mit der Kraft der sinnlichen Erfahrung bereichern möchte, verwende ich "Erzählsteine" sogenannte "Telling Stones". Indem ich die haptischen Ebene  mit einbeziehe, wird das  Erinnern und das Fließen unserer Fantasie erstaunlich deutlich erleichtert.

diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt
diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt

Was noch zu sagen bleibt:

Das beste Rezept für ein gutes Gelingen besteht aus verschiedenen Komponenten in variablen Anteilen. Man sollte stets auf eine gute Dosierung achten. Eine Garantie gibt es dennoch nicht. So kann die Vorbereitungszeit variieren oder der stimmungsvolle Rahmen mal mehr und mal weniger gelingen. Manchmal passieren irgendwelche, unvorhersehbare Dinge, die den sorgsam geplanten Ablauf stören. Ich versuche immer, mich davon nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen, denn auch Fehler und Pannen sind menschlich und bieten gleichzeitig gute Gelegenheiten, zu improvisieren.

Außerdem: Wenn ich selbst von einer Sache begeistert bin und das, was ich tue, gern tue, habe ich bereits einen sicheren Grund unter mir und einen weiten Spielraum für alles, was da kommt.

 

Viel Spaß beim Fabulieren wünscht

Martina Fuchs

Erzähltheater, hier die Version "selbst gemacht". Eine professionelle Version, mit den entsprechenden Bildkarten ist beim Don Bosco Verlag erhältlich-

Stichwort: Kamishibai (japanisch)