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Heute ist Haptiktag!

 Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag, denn ich hatte auch schon angefangen, über das Thema zu schreiben, um dann das Geschriebene erst nochmal wegzulegen. Es war zu traurig.

Ganz anders ist Nikes sinnesfroher Waldspaziergang mit den haptischen Erlebnisfeldern! "Auf, auf!" möchte ich rufen und ihrem Beispiel folgen, raus in die Natur -und Sie einladen, es mir gleich zu tun.

Nike ist Meeresbiologin, meine Tochter, Mutter von zwei Kindern und widmet sich gerade mit Leidenschaft der Frage, wie die große Transformation noch verbessert werden kann und welche Rolle Algen dabei spielen. Eine große, sicherlich.

Quelle:

Elisabeth Von Thadden, "Die berührungslose Gesellschaft“
C.H.Beck; 1. Edition (18. September 2018)

ISBN-10: 3406727824

Fifi-so mag sie es.
Fifi-so mag sie es.

Hatten Sie schon einmal das Gefühl,an einem Tag besonders haptisch unterwegs

zu sein?

Dass Dinge aufgrund der visuell erfassten Textur sofort eine Antwort in den Fingern auslösen, man sie anfassen möchte und muss, um die Erwartung, wie es sich anfühlt, zu bestätigen? An diesen Tagen kommt ein besonderer Genuss aus dem Betrachten und Betasten.

Wenn man zu denjenigen gehört, die sich dazu gratulieren, bereits vor der Pandemie aus der Stadt Richtung Land gezogen zu sein, ist es sicher einfacher möglich, diesem besonderen Genuss nachzugehen. Sitzbezüge in Bussen, Parkbänke, Steinfassaden und Supermarktauslagen sind weniger dazu geeignet, die viel unterschätzten, ja in meinen und Elisabeth Thaddens Augen grob vernachlässigten Sinn zu befriedigen.

Es war letztes Jahr, dass ich zu Frau Thaddens Buch kam, „Die berührungslose Gesellschaft“ (ref). Sie beschreibt, wie der Trend weg von der Berührung uns als Gesellschaft beeinflusst. Vielleicht haben Sie auch mitbekommen, dass die Tierheime leer sind, weil jeder etwas Weiches zum Anfassen möchte und die Sehnsucht nach Nähe, Berührung und sozialer Fellpflege (wir Primaten brauchen das einfach) mitschwingt, wenn wir ehemaligen Tierheimbewohnern begegnen. Es ist kein weiter Schritt, um von den grauenhaften Abstandsregeln zur Kompensation durch Tiere zu kommen. Ich beglückwünsche mich ja nun täglich zu meinem Wohnort 15km von der nächsten Großstadt entfernt und der prächtigen animalischen Nachbarschaft. Wenn der tägliche Vollknall vom Distanzlernen einsetzt, gehen die Kinder und ich zuerst zu Fifi, der Ziege, dann den Pferden, zu den Enten, den seltsam aussehenden Kühen, dem Tipi im Wald.

Haptisch also ein wirkliches Festmahl: wenn die Tiere alle gekrault sind (wobei vor allem die Ziegen und Pferde kooperativ sind), können verschieden Moose betupft, Baumrinden befühlt, junge Fichtenzweige zwischen die Finger genommen, Blattknospen berührt werden. Wussten Sie, wozu die Rillen an unseren Fingern sind?

Streicht man über die Oberfläche, entsteht durch die Rillen eine Vibration, die eine präzisere Wahrnehmung ermöglicht.

Hat man sich also am Tastbuffet sattgefühlt, kann man als Dessert oder Zwischengang noch Oberflächenstrukturen optisch bewundern und Farben und Lichtspiel genießen. Heute hatten es mir besonders Federn angetan. In der Gegend leben sehr viele Graureiher, in die ich mich richtiggehend verliebt habe, die Gänse mit ihrem heiseren Krächzen füttern ebenfalls die Lokalidentität. Die Enten im Teich hinterm Haus (richtig, hinter den Pferden) sind wahre Komiker und bieten ein tägliches Schauspiel, das man nur als Seifenoper bezeichnen kann. Das Gezanke der Erpel, dramatische Abweisungen nach vorher noch dramatischeren Avancen, Ankunft neuer Akteure und deren Meilensteine in der Integration in das Teichgefüge, begleitet von hochdiverser Kakophonie bieten viel Abwechslung. O-Ton Kinder: „Man, das ist wie ein Film jedes Mal.“

 Nun ist unser Wohnort leider Zone mit Geflügelpest, weswegen man davon Abstand nehmen sollte, herumliegende Federn zu berühren. Eine Zoonose auf einmal reicht. Ich fand eine besonders schöne Feder, blau-schwarz, sie erinnerte mich an einen Pfau, wobei der ja eher grün-blau ist. Mir kam der Gedanke, dass es schade sei, dass die Wahrnehmung und das Framing, also die Kontextbildung eines Begriffes, Federn gegenüber auch durchaus negativ ist. Die Assoziationskette „Massengeflügelhaltung“, „Geflügelpest“, „Tauben“, „Ratten der Lüfte“, die ich eher dem Stadtleben zuordnen würde, bringt einen instinktiven Ekel mit sich, der ja vor Infektionen schützen soll.
Die Feder schillerte so schön. Ich fotografierte sie mit der Nahlinse fürs Telefon, die mir mein Mann zum Geburtstag geschenkt hat. Bilder solcher Art ermöglichen es, die Sinneswahrnehmung später wieder heraufzubeschwören und wieder zu erleben.

Der Ekel, dachte ich, er darf nicht zu stark werden. Ekel führt zu Distanz, Distanz im Übermaß zu Verlorenheit, soziale Distanz, Verlust sozialer Kohäsion ist ein Alptraum. Selbst für Introvertierte, über die man zu Beginn der Pandemie noch scherzte, sie würden das Ganze sicher genießen. Tun sie nicht. Was also setzt man der Distanz entgegen? Dem Ekel, der Vorsicht? Glücklicherweise besitzt unser Gehirn die Möglichkeit zum Re-framen. Zu Beginn ist es etwas schwierig, aber Übung macht hier den Meister.

Um seine Sichtweise zu einem bestimmten Sachverhalt anzupassen, in eine hilfreichere Haltung zum Beispiel, wählt man eine andere Assoziationskette aus uns konzentriert sich darauf. Federn, die sind auch sinnlich, exotisch, ein Schmuck, etwas, das zur Brautwerbung bei Vögeln eingesetzt wird, möglicherweise auch schon von den Dinosauriern, sie sind wärmend, elegant und auch für die Bionik interessant, mit Lotuseffekt, schillernden Farben. Wunderbar. Voll tanzender Paradiesvögel im Kopf (siehe BBC-Dokumentation über die Regenwälder) fotografiere ich die Federn im Wald. Es sind schöne dabei und ich kann sie genießen, diese kleinen Kostbarkeiten.

Der Enterich Fido schwimmt weiter oben, ich bin  nur der Spatz in der Hand
Der Enterich Fido schwimmt weiter oben, ich bin nur der Spatz in der Hand

Auf dem Rückweg sehe ich Fido, den Enterich. Ich wünschte, ich hätte ein Kopfkleid wie er. Haare sehen schwarz aus, schimmern aber smaragdgrün. Und ich mutmaße, dass gründliches Umweltbefühlen über die dunkle Pandemie etwas hinweghilft. Bis wir wieder anderen Menschen über den Unterarm streichen, gemochten Menschen die Hand geben, alle Freunde saftig umarmen und besonders lieben Freunden Wangenküsschen geben kann.

Wir sind einfach haptische Wesen.

Irgendwie kommt es mir so vor, als wäre ich beim letzten Haptiktag schon zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen.

Nike Fuchs

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