Thesenanschlag

Gibt es einen besseren Starttermin, um 95 Thesen anzuschlagen als den 31. Oktober?                                 Ja, die Nacht zum 31. Oktober!

Doch da habe ich fest geschlafen und so kam es, dass bereits die Morgensonne schien, als ich mich mit Hammer und Nägeln auf den Weg machte, um die erste These anzuschlagen, welche nur in einem sehr großzügig verstandenen Sinn etwas mit Reformation oder dem konziliaren Prozess zu tun hat.

 

Als Anschlagstafel hatte ich mir eine alte, hässliche, etwa eineinhalb Meter hohe Backsteinmauer vor einem ebenso alten und hässlichen Autogaragenplatz ausgesucht.

 

Im Hintergrund ist die kahle Betonwand der JVA mit Stacheldraht vor den Fenstern zu sehen.

Meine Idee war, jeden Tag ein, zwei Sätze aus dem Playing Arts-Manifest an die bröckelige Wand zu schlagen, bis diese letztendlich ihre Hässlichkeit unter zartbunten Papierstreifen vollständig verbergen würde.

Als ich nun am frühen Morgen des Transformationstages Nummer 1 mit Papier, Hammer und Nägeln in den Händen um die Ecke bog, bot sich mir ein überraschender Anblick:

So lange ich in Fulda wohne, also seit 21 Jahren, bleibt mein Blick stets an dieser hässlichen Stelle hängen und beleidigt mein ästhetisches Empfinden und nun, wo ich die Transformation von Hässlichkeit in ein schönes, wichtiges Kunstwerk selbst in die Hand zu nehmen bereit bin, ist nicht nur die Mauer, sondern die gesamte Garagenansammlung dem Erdboden gleich gemacht ?

Gegenüber dieser Baustelle steht eine Litfaßsäule mit großen leeren Flächen zwischen den Werbeplakaten. Gut, dann nehme ich eben die Litfaßsäule, dachte ich mir.

Am ersten und am zweiten Tag klebte ich jeweils einen Teil des schon bestehenden Manifestes von Playing Arts an. . Wenn mich jemand gefragt hätte, was ich mit der Kleberei erreichen wolle, hätte ich keine passable Antwort geben können. Ich fragte mich das selber. Am 3. Tag schrieb ich: Playing Arts verzaubert Hindernisse in Chancen und ab da an, wusste ich eine Antwort: Das Ankleben macht Spaß. Einerseits war da der Reiz des Verbotenen: „Fremdplakatierung verboten“ und des Parkens ohne Parkschein. Andererseits reizte mich auch der Standort, denn die Litfaßsäule steht auch im Blickwinkel der Anwaltskanzlei, in dem der Anwalt der Gegenpartei in einem aktuellen persönlichen Rechtsstreit arbeitet. Dieser Streit ist alles andere als lustig, doch ich muss zugeben, dass mir der Briefwechsel mitunter auch sehr viel Spaß macht. Während des Plakatierens kamen mir ganz wundervolle Gedankenblitze für den nächsten Brief, die mich sehr zum Lachen reizten. Auch an den ersten beiden Tagen hatte ich auf dem Weg zum Plakatieren und danach ziemlich ungewöhnliche Einfälle und so begann ich, diese aufzuschreiben und näher zu betrachten. Wenn das Spiel zu Ende ist, werde ich davon berichten. Mit mir ging eine Veränderung vor sich also schrieb ich:Playing Arts kann Berge versetzen....

Doch an Veränderungen kann ich mich offensichtlich relativ schnell gewöhnen, denn ich bemerkte, dass das Plakatieren allmählich Routine wurde und-langweilig. Ich wollte nicht länger alleine spielen. Am 13.Tag veröffentlichte ich diesen Text im Sozialen Netzwerk:

„Wem gehört die Stadt?“

Der unterste Bereich sämtlicher Litfaßsäulen der Stadt

steht allen Bürgen frei. Sie können die freien Flächen nutzen, um politische oder persönliche Statements, Kommentare oder Fragen aufzuschreiben oder eine kleine Zeichnung zu hinterlassen, ein Bild anzukleben- oder was immer ihnen gefällt. Das hat mir heute eine Passantin erzählt, mit der ich zufällig vor der Litfaßsäule an der Kreuzung Königstraße/Robert-Kirchner-Straße ins Gespräch kam. Nicht zu übersehen ist dort die in roter Farbe geschriebene Aufforderung

„Komm, schreib‘ etwas!“ 

im unteren Bereich der Litfaßsäule. „Darf man das überhaupt?“ fragte ich. Die Frau, mit der ich an der Ampelkreuzung ins Gespräch kam, meinte, ja, klar, nur ist es verboten, ohne Genehmigung (und Bezahlung)kommerzielle Annoncen anzubringen. Aber für Persönliches gelte das nicht: Jede*r könne hier etwas schreiben, wobei selbstverständlich beleidigende, rassistische oder diskriminierende Kommentare nicht erlaubt seien. Schmierfinken müssen mit hohen Geldstrafen rechnen. Woher die Frau diese mit Gewissheit vorgetragene Information hatte, konnte ich nicht

mehr erfahren, weil wir uns dann plötzlich aus den Augen verloren haben. Auf dem Nachhauseweg bin ich noch an einer zweiten Litfaßsäule vorbeigekommen- auch hier war der untere Bereich weiß. Vielleicht stimmt es, was diese Frau

behauptete?

Wer weiß etwas zu diesem Thema?

" Weiße Stellen-unplakatierte können beschrieben werden-findet man in Großstädten überall." Diese Antwort erhielt ich, neben einigen "Gefällt mir!"- Angaben in Facebook. Auf der Litfaßsäule habe ich keine Antworten bekommen.

Gestern, am 17.11.2017 bot sich mir in der Königstraße folgendes Bild:

Und ringsherum nur weiße Flächen! Am Abend des 18:11. waren sämtliche Schnipsel der "Fremdplakatierung" an beiden Litfaßsäulen verschwunden und ordentlich überklebt: An der einen (Komm, schreib etwas") leuchtete ein frisches weißes Papier, an der anderen (Hier ist Platz für deine Thesen) hatte sich das grüne Theater-Plakat plötzlich verdoppelt. Offensichtlich ist die Zeit für schriftliche Bürgerdialoge auf den weißen Flächen der Litfaßsäulen noch nicht gekommen.

Diesen Umstand bedauerte ich  bis zur vollständigen Verfestigung eines neuen Gedankens:

Wenn die Menschen nicht zur Litfaßsäule kommen, dann kommt eben die Litfaßsäule zu den Menschen!

Kann ich mir nicht eine eigene nicht ganz so große Litfaßsäule selber bauen, zum Beispiel aus Kabelrollen?

Beim Einkaufen erhaschte ich dann zufällig einen Blick auf den Hintereingang einer Werbedruckfirma, genauer gesagt, auf ein aufgestelltes Bündel dicker Pappröhren. Die Stunde der transportablen eigenen Litfaßsäule war gekommen. Der Bauplan ist in meinem Kopf, Skizze und Bauanleitung zum Nachmachen folgen in den nächsten Tagen. Es gibt ja unzählige Gelegenheiten, Meinungen zu sammeln, oder utopische Visionen oder eben Thesen zur Reformation, zur Transformation oder zum Thema "Wem gehört die Stadt?"

 

Nachdem ich einige Wochen mit der Idee einer selbst gebauten Litfaßsäule im Steckkastensystem schwanger gegangen bin, kann ich nun die Geburt mehrerer kleiner Denkergebnisse bekanntgeben. Das Grundsystem der transportablen Litfaßsäule ist entwickelt und besteht aus x Pappröhren, die an gekennzeichnet-en Stellen (detaillierte Abbildungen folgen) mit einem exakt angebrachten Schlitz versehen wurden. Diese Schlitze nehmen nun 2 runde Scheiben aus Sperrholz auf und werden somit zur Bodenplatte und zur Dachplatte. Die Bodenplatte befestige ich vor dem Anbringen der Dachfläche(!) auf einem fahrbaren kleinen Hocker. Dies ist nötig, damit sich niemand beim Beschriften zu tief bücken muss. Außerdem möchte ich leere weißen Flächen (wie bei den öffentlichen Säulen) vermeiden. Ist der Rumpf der Säule fertig, kann ich das Dach aufsetzten,

siehe Abbildung. Danach wird die Oberfläche des Rumpfes, also die Werbefläche,

mit einer festen Bahn feinen Kartons umwickelt. Meiner war früher eine

Werbetafel. Zur Befestigung schlage ich folgende Lösung vor: (Foto wird später eingefügt) So kann ich sie leicht wechseln, denn die Säule soll ja mehrfach verwendet werden ! Die Adventszeit 2016 ist für mich eine sehr inspirierende stille Zeit. Ich habe viel darüber nachgedacht, was mich eigentlich antreibt, was mich am Thema „Litfaßsäule“ so fasziniert:

Die Umdeutung einer kommerziell genutzten Werbefläche in eine Plattform der Meinungsfreiheit ist ein reformatorischer Gedanke, die konkrete Planung und Umsetzung sind wesentlicher Bestandteil eines schöpferischen Akts.

Die Verwendung der Materialien, alles Abfallprodukte, stellt ein wichtiges, unabdingbares Wesensmerkmal für mich dar, der Zweck liegt sozusagen in den Mitteln. Die Litfaßsäule in seiner von mir umgedeuteten Qualität des eroberten Freiheitsraumes ist ein Kommunikationsmedium, welches in mir eine Hoffnung nährt, die dringend Nahrung bedarf, nämlich:

Es ist möglich, darüber zu reden, „was niemals war, doch möglich ist“, Andreas Benk in „Schöpfung, eine Vision von Gerechtigkeit“ Visionen auszutauschen, Kontakte zu knüpfen oder wieder aufzufrischen. Die Liste der Gelegenheiten, welche den Einsatz der Litfaßsäule erforderlich machen oder zumindest bereichern, wächst allmählich. Im nächsten Kapitel „ReformARTion und TransformARTion“ werde ich ab 2017 berichten.

 Die Litfaßsäule besteht also aus Pappröhren und ist im Inneren hohl. Das heißt, nicht ganz, denn zwei Platten (Sperrholz oder fester Kunststoff) halten mittels Steckverbindung die Röhren zusammen. Für mich allein war diese Konstruktion ziemlich schwierig zu realisieren, doch ich hatte einen lieben Helfer! Die schwierigste Arbeit ist ja immer, zunächst einen Prototypen zu entwickeln. Der Nachbau ist dann umso leichter.

Hier ist das Geheimnis der Steckverbindung, welches ich allen Nachahmern schenken möchte!

 

Auf zur eigenen Litfaßsäule!

Wer sich das Selberbauen nicht zutraut, dem biete ich im Reformationsjahr 2017 das Projekt

"Hier ist Platz für Deine Thesen" an.

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