Meine wilden Erdbeeren haben sich in den letzten Jahren erfreulicherweise sehr vermehrt. Dabei haben sie sich von ganz allein in meine „Gartenordnung“ eingefügt. Diese Ordnung besteht darin, dass ich den, von Vorbesitzern geprägten oder wild gewachsenen Strukturen Namen und Form gegeben habe. So geht man durch das Haselnusstor durch den Beerenwald, gelangt danach auf das Sonnenfeld mit den duftenden Kräutern, folgt dem Weg zwischen Felsenbirne und Johanniskraut hin zur Wiese mit Obstbäumen und Rastplatz. Auf dem Sonnenfeld hatte ich die wilden Erdbeeren zunächst gesetzt- in der Hoffnung auf viele, süße Früchte. Strawberryfields forever! In diesem Frühjahr nun erkenne ich die Wanderroute der kleinen Pflänzchen: Immer an der Wand der Trockenmauer entlang sind sie schon ein paar Meter vorangekommen und bilden gerade jetzt einen blühenden Wegessaum.
Wie so oft freue ich mich über meine wilden Pflanzen, die mit so geringem Zutun meinerseits den Garten füllen und mir ihre Früchte schenken. Positive Nebeneffekte, neben dem unbeschreiblichen Geschmack und dem Komfort der Frische sind gleichfalls die Auswirkungen auf die Ökobilanz: Transportwege, Düngemittel und Energieaufwand= Null.

Ich bin eben geprägt durch die Nachkriegsgeneration meiner Eltern und die Umweltbewegung der 80er Jahre- beim Einkaufen achte ich schon seit Jahrzehnten auf Regionalität und Saisonalität, weil, der Verbraucher hat es in der Hand! Mittlerweile weiß ich natürlich, dass ich als Verbraucher nichts beeinflusse und die Regierung, egal, welche gerade mal wieder alles mögliche verspricht, sich einen Dreck um ökologische Folgen schert. Jede Supermarktkette wirbt mit Regionalität und die Regale sind voll mit Kartoffeln aus Israel. Übrigens bin ich nicht antisemitisch, doch es ist schon unerträglich, dass Israel unbeirrt seinen Völkermord an den Palästinensern verübt, mit deutschen Waffen. Das allein wäre schon Grund, keine israelischen Kartoffeln zu kaufen- neben der wahnwitzigen Ökobilanz.
Vandana Shiva beschreibt in ihrem neuen Buch, was seit Jahrzehnten bekannt ist, nämlich wie die Eliten, diese 1 % der Menschen auf unserem Planeten die Fäden ziehen, unsere Marionetten-Politiker tanzen lassen, ihren Gewinn steigern und die Erde verwüsten.
Naja, im Westen nichts Neues, und Kriege und Hochrüstung sind noch nicht mal eingerechnet, mögen Sie einwenden und haben damit wahrscheinlich Recht-fast. Vor 120 Jahren schon bezeichnete Karl Liebknecht die Politik als Hofhunde des Kapitals. Nichts Neues also
Und dennoch wächst unterm Radar dieser entfesselten kapitalistischen Zerstörungsorgie wie ein Pilzgeflecht eine neue Gesellschaft heran, die mit all dem Wahnsinn, Krieg, Konsum, Ausbeutung und Zerstörung unserer Lebensgrundlagen, nichts mehr zu tun haben will.
Wie ich darauf komme?
Ich denke zum Beispiel bei so mancher Transaktion einer lokalen Tauschbörse, oh, das ist jetzt außergewöhnlich, das ist ein Stück Zukunft.
Es ist von je her ein Denkfehler,den Bedeutungsgehalt eines Geschehens von dessen Größe abzuleiten, wie uns das Gleichnis vom Senfkorn lehrt. Kleine Taten sind wie diese Senfkörner, die letztendlich Garten und Scheune füllen.
Da habe ich zum Beispiel ein paar antike Blechdosen, die ich vor 13 Jahren beim Sperrmüll gefunden habe. Nun brauche ich sie nicht mehr, ich annonciere sie zum Verschenken. Eine mir unbekannte Frau meldet sich und meint, sie würde mir gern etwas als kleines Dankeschön mitbringen. Sie schlägt mir verschiedene Ableger aus ihrem Kräutergarten vor und wir verabreden uns zum Gartenrundgang und zum Pflanzentausch.
Wenig später kommt ein junger Mann, der einen Hobel abholen möchte, den ich nicht mehr brauche. Im Gespräch erfahre ich, dass er Obstbäume veredeln kann und zu diesem Zweck gern nochmal kommt. Seine kleine Tochter möchte eventuell bei meiner nächsten Nähstunde dabei sein.
All diese beziehungsstiftenden Begegnungen generieren einen lebendigen Austausch von Talenten und Ressourcen- ohne Mehrwertsteuer, doch mit unbezahlbarem Gewinn für unsere Gesellschaft. Menschen sind nun mal soziale Wesen und ihr Gemeinschaftssinn ist einfach nicht auszurotten.
Gleichzeitig braucht es mehr Erfahrungen dieser Art, und Räume für derartige Begegnungen auch.Wie man solche Räume schafft und wie man bestehende Räume umdeuten und/oder aneignen kann, darum ging es in einer Weiterbildung, von der ich hier ein paar Eindrücke mitteilen möchte:

Banden bilden- so lautet der Titel eines Werkstatttages in Treysa, an dem ich vor kurzem teilnehmen durfte.
„Die Welt braucht deine Kreativität, dein Ideenfeuer, deinen göttlichen Funken.... Die Welt braucht deine Erfindungsgabe, geschmiedet dort, wo Glaube auf Seele trifft.“
Mit diesem Zitat begann dieser inspirierende Tag, der zwischen Himmelfahrt und Pfingsten perfekt terminiert worden war.
Zunächst war es eine großartige Runde verschiedenster Menschen, deren gemeinsames Merkmal war, in alle möglichen Richtungen zu denken und umzusetzen, was sie sich in den Kopf gesetzt haben. Als ob eine gute Idee immer, wie mit einem Zauber behaftet, Bahn und Wege findet. Ulf Habel holte die Schule wieder ins Dorf zurück und gründete einen Waldkindergarten, der jetzt ein Naturkindergarten ist. Und dann noch die Geschichte der Dorfschmiede...
Andreas Wiesner vom Forum Bildung und Gesellschaft hat sich Treysa als Wunscharbeitsplatz gewählt, weil er den Ort für eine „soziale Schatzkiste“ hält. Er meint, die soziale Intelligenz sei hier besonders ausgeprägt- mit Abstufungen auch in der Region ringsherum. Vielleicht gehen wir Menschen, mal mehr, mal weniger bewusst, immer Allianzen mit den Orten ein, die wir uns zum Leben aussuchen. Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wieso ausgerechnet in Willinghausen die älteste Künstlerkolonie Europas entstanden ist?

Im Mittelalter waren Banden zeitlich begrenzte hierarchiefreie, zielgerichtete Zusammenschlüsse, die grade jetzt, wo die Gesellschaft auseinanderbricht,gebraucht werden.( Habermas) Wirkmächtig werden wir nur im gemeinsamen Tun.
In der Bande tritt Konkurrenz und Hierarchie zurück, es gibt keine Vereinsstruktur und die Bande kann sich nach Erreichen des Ziels auflösen, muss dies aber nicht tun. Manche Bande hält ein Leben lang.
Noch habe ich nicht alle Eindrücke sortiert und geordnet. Gerade versuche ich, die neuen Inspirationen mit den Ideen, die ich für den Werkstatt-Tag im Gepäck hatte, zu verknüpfen.
Eine davon ist die, wie ich es nenne, Gemüsebande, und nun komme ich wieder zurück zu Vandana Shiva und ihrem neuesten Buch „Die Natur der Natur“. Ich stelle mir die Organisation der Bande so vor, dass Gemüse, Früchte und Pflanzen aus dem Garten untereinander geteilt werden. Eine Food-Coop würde man das wohl heute nennen. Doch so groß möchte ich das garnicht aufziehen, sondern eher nur auf kleiner, privater Basis- am besten in geringer Entfernung. Ich habe zum Beispiel meistens zu viele Beeren und Kirschen, hätte aber gern mehr Äpfel zum Einlagern. Birnen wären auch fein. Gemüse hätte ich auch gerne mehr, hier liegen noch einige Potentiale in der Warteschleife zur Entfaltung.
„Wer näher am Humus ist, ist näher am Leben“, heißt es ja so schön. Die Selbstversorgung muss keine Last sein, nein, im Gegenteil: Es gibt kaum eine Tätigkeit, die zu mehr Zufriedenheit führt. Und die Zufriedenheit steigert sich in dem Maß, wie wir uns mit anderen verbinden, in Austausch treten.
Ich meine mittlerweile, dass dies auch der einzige gangbare Weg ist, ein Weg, den wir selbst gehen müssen. Es bringt nichts, darauf zu warten, dass irgendjemand für uns die Probleme löst, die durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die Globalisierung verursacht werden. Vandana Shiva schreibt dazu:
„Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt sollte die Biodiversität, das Wissen der indigenen Völker und die Souveränität der Länder schützen und bewahren. Im Laufe der Zeit wurde diese Konvention allerdings völlig ausgehöhlt, weil Vorschriften zur Verhinderung von Biopiraterie unterlaufen, Regelungen zur biologischen Sicherheit durch digitale Kartierung und gentechnisch veränderte Organismen (GVO) umgangen werden und die Zerstörung der biologischen Vielfalt unter dem Deckmantel des »Biodiversitätsausgleichs« stattfindet. Die Verkehrung der internationalen Umweltverträge, mit denen eigentlich die ökologische Krise des Planeten angegangen werden sollte, findet also sowohl auf der umwelt- als auch auf der wirtschaftspolitischen Ebene statt. Heute ist die internationale Ebene nicht mehr zwischenstaatlich, sondern ein von den Globalisten – dem 1 % – kontrollierter Bereich.“
Also, worauf warten wir noch? Die Kirschen sind bald reif- und die Zeit auch!


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