· 

Der Fährmann

Im Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren fragt der Fährmann, warum er eigentlich immer hin- und herfahren muss und niemals abgelöst wird.

Die Antwort ist verblüffend einfach:

„Wenn wieder einer kommt und will übergefahren sein, so gib ihm nur die Stange in die Hand.“

In dem Märchen wird nicht infrage gestellt, ob und warum diese Fähre immer weiterfahren muss zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, vom weltlichen Leben zu anderen Sphären, zum Lichtträger Luzifer, denn niemand anders ist der Teufel mit den goldenen Haaren.

Ein Glückskind ist, wem mühelos gelingt, zwischen verschiedenen Welten wechseln zu können. Noch besser ist es, sich in beiden zurechtzufinden, zuhause sein zu können.

Es steht also außer Frage, dass diese Verbindung unbedingt aufrechterhalten werden muss. Und dass es üblicherweise einer Begleitung zwischen den verschiedenen Sphären bedarf.

Aber nirgendwo steht geschrieben, dass eine einzige Person für das Übersetzen von diesem zu jenem Ufer verantwortlich ist auf ewige Zeiten. Das Märchen lehrt uns, dass dieses Amt weitergegeben werden muss, von einem Menschen zum anderen, von einer Generationen zur anderen, denn die Verbindung darf nicht abreißen.

Die Geschichte handelt also nicht (nur)von der Freiheit des Fährmannes, sondern auch um die Aufrechterhaltung einer wichtigen Verbindung.

Nicht alle Verbindungen sind so bedeutsam wie die im o.g. Märchen. Als Ausgangspunkt aller Betrachtungen bietet sich sowieso die Frage an:

Wem nützt es?

Die Figur des Fährmanns hat mich schon oft beschäftigt.

Wer hat ihm diese Aufgabe gegeben? Oder hat er sie selbst ausgewählt und ist ihrer nun überdrüssig geworden? Wo in meinem Leben bin ich Fährmann und welche Aufgaben möchte ich am liebsten nicht mehr übernehmen? Wie passen Erwartungshaltungen von Anderen mit meinen Bedürfnissen und Vorstellungen zusammen und wo nicht? Wo gilt es, geduldig zu sein und weiterzumachen und wo ist dringend Ungehorsam nötig?

Fährmann, lass fallen die Ruder 

Hör auf den Freund, auf den Bruder

Auch wenn du im Dienst stehst seit ewigen Zeiten-
Lass dich nicht in den Abgrund geleiten

Es ist nicht dein Boot
Und die wachsende Not

Muss der Bootsbesitzer bewenden!

Du führst das Boot
Doch wer den Kurs bestimmt
Am Ende alles Dir nimmt
Sitzt im Turme auf dem Thron
Und banget schon
Fährmänner, bringt eure Fahrten zu Ende

Verlasset die Boote und gehet an Land
Ihr kennt den Weg zum Turm und wisst:
Nach jeder Flaute folgt ein Sturm.

Der Fährmann wähnt sich nun mal allein und ist sich der Macht, die in seiner Verweigerung liegt, ja nicht unbedingt bewusst. Oft ist man ja auch wirklich nicht gerade am Zug, doch sollte man deshalb wirklich seine eigene Haltung aufgeben? Ich denke, NEIN.

28.12.

Wenn ich gerade das Gefühl habe, nichts tun zu können, machtlos und klein zu sein, eines kann ich immer:

Innehalten, Spüren: in den eigenen Körper, in meine Umgebung, in die Beziehung meines Selbst mit der Welt um mich herum. Betrachten aufsteigender Empfindungen und Gedanken. Reflexion des eigenen Standes, der Haltung. Analyse des eigenen Wirkens: Bewege ich mich aus Gewohnheit in bekannten Bahnen? Nehme ich Veränderungen um mich herum wahr und wie gehe ich damit um?

In dem Wald nahe der Siedlung, in der ich aufgewachsen bin, gab es einen breiten, gut ausgetretenen Weg über einen Berg hinweg, der für meine Vorfahren eine Verbindung zwischen zwei Stadtteilen war. Im Winter wurde dieser Weg zu einer fantastischen Schlittenbahn. Ein Teil der Strecke führte durch einen Hohlweg. Wenn der im Winter vereist war, wurde er zur „Höllenbahn“. Heute, zwei Generationen später, sind nur noch kleine Teilstücke des Weges erkennbar, weil er nicht mehr genutzt wurde. Dafür gibt es andere Pfade, die es nun zu entdecken gibt. Wer hat sie geschaffen? Tiere? Menschen? Ist hier der Weg das Ziel (entlang der Kirschbäume) oder geht es darum, etwas zu verbinden?

Eine Qualität des Fährmannes ist auch, zu erkennen, welche Aufgaben gerade nötig sind. Manchmal muss man das Wasser verlassen und an Land gehen.

Manchmal sind Fähren nicht genug und Brücken nötig.

Aus Gedanken können unglaublich große Werke entstehen, das dürfen wir nicht vergessen.

Bild von R.W., danke!
Bild von R.W., danke!

28.12.

Doch niemand kann ständig auf Hochtouren laufen. So wie in der Musik die Pausen zwischen den Tönen entscheidend sind, bestimmen die Pausen, die Zwischenräume unsere Lebensqualität. Ab und zu sollte man auf jeden Fall ausbüxen und etwas tun, was von der täglichen Routine abweicht. Eine kleine Vergnügungsfahrt über den See?

„Das sangen alle Vöglein, Vöglein, Vöglein, Vö-öglein, da sangen alle Vöglein-ein neuer Tag brach an.“

Leider sind die realen Fluchten oft eher kleinformatig.

Gemeinschaftsarbeit aus Offenem Atelier
Gemeinschaftsarbeit aus Offenem Atelier

29.12.

Es war einmal ein Fährmann, Hans ward er genannt.

Tagein, tagaus fuhr er mit seinem Boot über den großen See bis zum fernen Ufer, dorthin, wo auch der Eingang zur unteren Welt sein soll.

Eines Tages kam ein fein gekleideter Kaufmann zu Hans und sprach:

Ich habe das Boot gekauft, es gehört jetzt mir. Da ich weiß, dass du gewissenhaft und zuverlässig bist, darfst du deinen Dienst behalten. Doch höre: ab morgen nimmst du auch die Post mit, du hast ja neben deinen Passagieren Platz dafür im Boot. Hans nahm nun jeden Tag Briefe, Bündel und Kisten mit auf seine Fahrt und verrichtete seinen Dienst weiter sehr gewissenhaft. Doch mit den Jahren wurden es immer mehr Briefe und Kisten und sein Boot bekam immer mehr Tiefgang. Nach sieben Jahren war das Boot stets so schwer beladen, dass Hans nur noch äußerst langsam übersetzen konnte.

Und wenn ein Passagier mit an Bord war, musste sich dieser zwischen die Gepäckstücke zwängen.

Eines Tages sprach der Kaufmann: „Hans du fährst mit deinem Boot so langsam und du hast viel Zeit. Ab jetzt wirst du dich auch um die Reusen auf dem See kümmern. Hinwärts wirfst du sie aus und heimwärts leerst du die Reusen und lädst die Fische in dein Boot. Was blieb Hans übrig, er gehorchte und hatte nun auch auf dem Rückweg ein überladenes Boot zu fahren.

Eines Tages, als Hans die Reusen auswarf, sah er einen Mann im Wasser schwimmen, der sich an einem Stück Holz festhielt, um nicht unterzugehen. Mit schwacher Stimme rief er:

Hilf mir, ich ertrinke!“

Hans lenkte sein Boot näher ran und hielt dem Mann beide Hände hin. Doch als der Mann zupackte, kenterte das Boot und sank mit all den schweren Kisten in die Tiefe.

Hans hatte nur noch ein Ruder in der Hand. Da legte er dem Ertrinkenden einen Arm um die Schulter und bewegte mit dem anderen Arm das Ruder. Dann hieß er dem Mann, es ihm gleichzutun. Es dauerte eine Weile, bis der Mann ruhig wurde und spürte, wie sich ihrer beiden Kräfte vereinigten.

Sie schafften es bis zum Ufer, ruhten sich aus und erzählten einander ihre Geschichte.

Der Mann ging seiner Wege und Hans machte sich auf in die weite Welt hinein. Wie es ihm ergangen ist, wird an anderer Stelle erzählt. Von dem Kaufmann heißt es, er sei immer reicher und reicher geworden.

30.12.

Rolf, der Fährmann

Rolf Becker war ein Mensch, der sich sein Leben lang für eine bessere Welt einsetzte: Melodie und Rhythmus nannte den kürzlich verstorbenen Schauspieler im Nachruf.

einen Fährmann.Unermüdlich im Rudern- mal mit- und sehr oft gegen die Strömung, immer seinem Herzen folgend- so war er und so bleibt er in unserer Erinnerung.

31.12.Hansens Nachfolger

Bald darauf war ein neuer Fährmann da. Er hörte sich genau an, als ihm der Kaufmann erklärte: „Die Post ist das Wichtigste, nicht die Fahrgäste. Das hat sich dein Vorgänger leider nicht immer zu Herzen genommen. Hat sich lange mit Gesprächen aufgehalten, was die Fahrtzeit oft unnötig in die Länge gezogen hat. Ein Starrkopf war er, stur hat er daran festgehalten, dass gerade diese Überfahrt für die Fahrgäste enorm wichtig wäre. Überhaupt kein Maß hatte er! Meinte, wie wichtig er sei.

Doch schau: Das ist mein Boot und ich bin ein Kaufmann. Nirgends steht geschrieben, wie die Fahrgäste an das andere Ufer gebracht werden müssen. Sie dürfen in meinem Boot mitfahren, das ist alles. Das Wichtigste, vergiss das bloß nicht, ist die Fracht. Je mehr davon, desto besser. Und schneller ist besser für meinen Geldbeutel, und auch für dich. Wenn du zu langsam bist, verdienst du auch weniger.

Der Neue hörte sich alles genau an, auch die Geschichte, wie durch Hansens Leichtsinn das Boot verlorenging und wie er sich heimlich aus dem Staub gemacht hatte.

Den Lohn, den der Kaufmann dem Hans noch schuldig geblieben war, fand in dieser Geschichte keinen Platz. Die ersten Tage ging alles gut, doch dann begannen auch die Fahrten des Neuen immer länger zu dauern. Das Unglück schien den Kaufmann zu verfolgen: Briefpäckchen fielen ins Wasser, die Fischreusen waren angeblich immer wieder leer, manche verschwanden gar und, was das größte Übel war, der Neue hielt sich nicht an den Befehl, Schiffbrüchige nicht zu beachten. Nun war es aber so, dass viele Menschen aus den Ländern hinter dem See die Landesgrenze überquerten. Ohne irgendjemanden um Erlaubnis zu fragen, machten sie sich auf den Weg in das Land, von dem erzählt wurde, dass dort Milch und Honig fließen würden. Um dorthin zu gelangen, musste der große See überquert werden. Die Bootsbesitzer von gegenüber waren vom gleichen Schrot und Korn wie überall und, so war nun mal das Recht, sie wollten Geld verdienen. Also kassierten sie das Geld für die

Überfahrt, brachten die Leute bis zur Mitte des Sees und warfen sie dort ins Wasser.

Der neue Fährmann erfüllte seine Aufgaben schlecht. Als er eines Tages wieder mit einem leeren Fischtrog an Land ging und neben ihm ein in Lumpen gehüllter Fremden humpelte, platzte dem Kaufmann der Kragen und er jagte seinen Fährmann davon. Den Fremden jedoch bewirtete er, bis er wieder zu Kräften gekommen war und sprach dann zu ihm: „Du musst jetzt für mich arbeiten, um deine Schulden an mich abzuzahlen.“ Wenn du einen Fehler machst, werfe ich dich wieder ins Wasser. Wenn du keine Fehler machst, darfst du weiter für mich arbeiten.“ Von nun an lief alles bestens für den Kaufmann und er musste sich neue Truhen für sein Gold anfertigen lassen, denn die alten quollen über. Und wenn mal ein Fährmann verschwand, standen gleich drei wieder vor seiner Tür, denn arme Schlucker gab es noch mehr, als er Goldmünzen besaß.

Wie es aber Hansens Nachfolger erging, soll an anderer Stelle erzählt werden.

1.1.

Zunächst wollen wir erst mal sehen, wie es Hans ergangen ist:

Nach ein paar Tagesreisen nur gelangte Hans in ein Land, in dem die Sonne wärmer schien als anderswo. Der goldene Sonnenglanz hatte sich aber auch über Menschen, Tiere, Wälder und Felder gelegt- ja, selbst die Ufer des Sees leuchteten in einem freundlichen Schein.

Seltsam und fremd erschienen Hans die Gebräuche des kleinen Volkes: Sie teilten sich Arbeit und Freude und verbrachten viel Zeit miteinander. Und welchen Aufwand betrieben sie, um ihre Häuser, Kleidung, Werkzeuge und Boote kunstvoll zu verzieren! Auch hatten sie viel Spaß an Verkleidungen und Theater auf der grünen Wiese: Die Stücke handelten oft von Kaiser, König, Kaufmann und waren allesamt sehr lustig, so dass es immer viel darüber zu reden gab.

Doch nach dem Theater blieben die Figuren in der Kiste und die Menschen lebten wieder nach ihren eigenen Regeln und einer nahm sich des anderen an.

Hans, der einst Fährmann gewesen war, staunte über die Gastfreundschaft, die Freundlichkeit und wie er sogleich in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. So warm wurde ihm ums Herz, dass er am liebsten alles doppelt und dreifach vergelten wollte. Und da er es ja gewohnt war, vielerlei Arbeiten gleichzeitig zu verrichten, tat er, was er konnte. Wie der Wind sprach sich unter den Leuten herum, was Hans alles gleichzeitig kann und er wurde aufs herzhafteste bedrängt, sein Können im Theater zu zeigen.

Da er den freundlichen Menschen den Wunsch nicht abschlagen konnte, gab es bald darauf eine besondere Theatervorstellung. Hans auf der Bühne, als Fährmann mit all seinen Aufgaben, die immer mehr wurden und immer schneller erledigt werden mussten. Die Dramaturgie hatte einen einfachen und wirksamen Spannungsbogen und am Ende klatschen alle Beifall, viele wälzten sich vor Lachen auf dem Boden.

Für Hans war schon während der Vorbereitungen klargeworden, dass die Leute hier anders waren als dort, wo er herkam. Alles, was sie dachten und taten, schloss die Mitmenschen mit ein. Doch was sie machten, machten sie gründlich und besonnen.

Am Tag nach der Vorstellung borgte sich Hans ein Boot, ließ sich auf den See hinaustreiben und warf die Angel aus. Er wollte versuchen, nichts anderes zu tun als zu angeln.

2.1.

Wie er da saß mit seiner Angel, weit draußen in dem großen See, da ging gerade die Sonne auf und er fühlte sich seltsam glücklich inmitten des blauen Wassers und dem roten Schein über ihm am Himmel. Nach einer Weile kamen drei Segelboote daher gefahren, eines von Osten,

eines von Westen und eines von Süden her.

„Was kann ich für dich tun?“,

„Brauchst Du Hilfe?“,

„Du bist in Gefahr! Was fällt dir ein, gerade hier zu angeln?“,

riefen sie ihm zu. Da legte Hans die Angel ins Boot, winkte den Seglern, dass sie ihn in Ruhe ließen und ruderte wortlos weg. Gute Ratschläge brauchte er, der erfahrene Fährmann, nicht. Und, war es denn nicht möglich, wenigstens ein paar Stunden allein zu sein? Als er des Ruderns müde war, legte er sich ins Boot und schaute dem schwindenden Morgenrot nach. Das Leuchten des Himmels blendete ihn jedoch und mehr und er schloss die Augen. Sein Boot indessen wurde von einer sanften Strömung zum Norden hin erfasst. 

3.1.Der seltsame Traum von Hans, dem Fährmann

 Im Träume glitt sein Boot durch grünschimmerndes Wasser an einer Insel vorbei, die ihm sehr bekannt vorkam. Es war jene Insel, an der Hans tagtäglich vorbeigefahren war, als er noch für den Kaufmann gearbeitet hatte. Auf einem Felsvorsprung vor der Insel sah er einen großen grauen Vogel stehen. Bewegungslos stand der da, wirkte fast leblos, doch seine Augen waren hellwach. Als Hans sich der Insel näherte, drehte sich der Vogel um, sah in an und sprach: „Gut, dass du kommst, Hans. Du wirst hier gebraucht.“

„Du meine Güte, dachte Hans, nun bin ich so weit weggelaufen und wollte niemals wiederkehren und nun treibt mich das verfluchte Boot genau hierher zurück.“

Der Vogel blickte Hans an, als wüsste er, was in ihm vorging, und begann wieder an zu sprechen: „Seitdem du weg bist, ist alles viel schlimmer geworden, für alle, die für den geizigen Kaufmann arbeiten und dessen Familien. Auch für uns Tiere sind schlechte Zeiten angebrochen, denn an unserem Schilfufer sind Fallensteller und Jäger unterwegs. Bitte hilf‘ uns, Hans!“

Hans blinzelte, denn ihm schien, als ob der Vogel vor ihm immer blasser wurde, wie Nebel im Sonnenstrahl. Was geht hier nur vor, träume ich oder wache ich? Der Vogel löste sich vor seinen Augen in Luft auf und das Wasser war nicht länger grün, sondern wieder blaugrau. „Ach, was für ein seltsamer Traum“, murmelte er, da vernahm er, leise, des Vogels Stimme: „Hans, leg dich wieder in dein Boot, dein Freund, der Nordwind, bringt dich, wohin du willst.“

Doch Hans wollte sich nicht hinlegen, er hatte genug von sprechenden Vögeln und wer sollte, bitte schön, sein Freund, der Nordwind sein?

Da kam eine Brise und trieb sein Boot sanft über den See, obwohl sein Ruder im Boot lag. Gut, sagte Hans, ich will zurück zu meinen Freunden, die ich erst seit so kurzer Zeit gefunden habe. Schnurstracks fuhr sein Boot, ohne dass er einen Finger krümmen musste, den weiten Weg über den großen See zurück in das schöne Land mit dem warmen Sonnenglanz. Dort wurde er freudig empfangen, denn man glaubte schon, ihm sei ein Unglück geschehen, weil er so weit weggetrieben war.

Hans war auch sehr froh und erzählte am Abend im Kreise seiner vertrauten Freunde von seinem seltsamen Traum draußen auf dem Wasser.

 „Das war kein Traum, Hans. Du wurdest gerufen, deine Hilfe ist wirklich nötig.“

Hans erschrak, was- er sollte dorthin zurück, von wo er entflohen war? Weg von seinen Freunden, die er endlich in seinem Leben gefunden hatte?

„Keine Bange, wir gehen mit dir und stehen dir bei. Geh jetzt schlafen, der Morgen ist klüger als der Abend“, sagte der Älteste, bei Tagesanbruch sehen wir weiter.

4.1. Im Morgengrauen des nächsten Tagesschwebten aus der Traumwelt Gedanken herüber, die Hans wohl festzuhalten wusste. Und als die Gedanken zu Worten sich geformt hatten, füllten sie ihn mit Kraft (Herzlichen Dank dafür an Joachim Dierks)

Er dachte an den gestrigen Tag, an den großen Vogel, an den Nordwind und an seine Gefährten und sagte zu sich selbst:

"Nun mag der neue Tag wohl kommen, ich bin bereit"....

Der Kaufmann

Es war einmal ein Kaufmann, der war sehr reich. Er hatte das Geschäft von seinen Eltern übernommen, wie diese zuvor auch von ihren Eltern. Reichtum war in der Familie Tradition und alle seine Wege waren fest ausgetreten und mit goldenen Kutschen gut befahrbar. Auch seine zwei Brüder waren angesehene und reiche Kaufleute. Redlich war all ihr Tun, gingen sie doch selbst im Königspalaste ein und aus. Dort gehörten sie zu dem erlesenen kleinen Kreis der königlichen Berater und saßen dort an der Tafel zwischen der Ritterschaft und den geistlichen Herrn. Ihre Klugheit konnte man daran erkennen, dass der König all ihre Ratschläge beherzigte und sie ihren Reichtum in unendlichem Lauf vergrößern konnten. So lebten sie in Saus und Braus und lobten Gottes Gnade.

Das Glück war also des Kaufmanns ständiger Begleiter und immer wusste er, Probleme zu seinem Gunsten zu lösen. Zwar blieb manchmal ein Rest des Ärgernisses an ihm haften, so wie damals die Sache mit Hans, dem Fährmann, doch die Zeit wusch alles glatt und rein, wenn man nur Geduld hatte. Gerade hatte unser Kaufmann aber andere Sorgen, denn er wollte seinen Sohn ins Geschäft einführen, damit er die Familiengeschichte einst fortschreiben würde. Doch manchmal kommt es anders, als man denkt...

5.1.

Eines Tages, als der Kaufmann mit seinem Sohne am Seeufer stand, um einen neuen Fährmann einzuweisen, erschien ein Schatten am Horizont, der sich näherte und dabei seine Gestalt veränderte. Der Kaufmann konnte seinen Blick nicht abwenden und musste sich doch um den dummen Fährmann kümmern, der nichts zu verstehen schien. Endlich riss ihm die Geduld, er stieg mit Sohn und neuem Fährmann ins Boot, um ihnen beiden zu zeigen, was ihm zu erklären gerade unmöglich war. Dann würde er eben auf dieser einen Fahrt mal zeigen, worauf es wirklich ankommt.

Sie fuhren weit in den See hinaus. Der Schatten hatte sich in winzige Punkte aufgelöst, die größer wurden und endlich als unzählig viele kleine Boote erkennbar wurden. Was war das? Das Boot des Kaufmann glitt sanft auf den Wellen dahin- keiner dachte an das Ruder. Sie starrten auf die weißen Boote, die ihnen entgegenfuhren, so viele auf einmal hatten sie noch nie gesehen. Immerhin, viel Zeit, darüber nachzudenken, hatten sie nicht.

Schon waren sie mittendrin. Es waren lauter Segelboote, klein und wendig und schön anzusehen. Und über diesem an sich schon wundersamen Bild flog am Himmel, einem Spiegelbild gleichend, ein Schwarm großer, weißer Vögel,

Die Segel waren im Nu eingerollt und alle Boote bildeten, wie durch Geisterhand geführt, nun eine enge Spirale um das Boot des Kaufmannes. Der Wind war plötzlich still, und das Wasser auch. Kein Wort wurde gesprochen, der Vogelschwarm bewegte sich lautlos in den Wogen der Lüfte, es herrschte Stille. Eine friedliche Stille, die zu beschreiben die Worte fehlen.

Niemand konnte später sagen, wie lang dieser Zustand gedauert hat- war es nur ein Augenblick oder Stunden? Des Kaufmanns Sohn behauptete später, sich noch nie im Leben so glücklich gefühlt zu haben, wie schwebend auf einer Wolke. Sein Vater sagte nichts dazu, doch lächelte beseelt. Der neue Fährmann fuhr das Boot so sicher und geschickt wieder ans Ufer, als hätte er sein Lebtag nichts anderes getan. Noch etwas benommen wie nach einem Traume stiegen sie an Land und gingen nach Haus. Sie erzählten niemandem von diesem seltsamen Erlebnis, es hätte ihnen sowieso keiner geglaubt. Hunderte Segelboote von einem Vogelschwarm geleitet- die hätten ja andere auch sehen müssen. Hat aber niemand.

Man erzählt sich, dass der Sohn des Kaufmanns das Geschäft des Vaters komplett anders geführt hat als sein Vater, der ihm wiederum dabei half, so gut er konnte. Der Reichtum wurde größer, weil er verteilt wurde, und jeder Mensch hatte genug zu essen und ein schönes Haus. Jeder dachte an den anderen und so ging es allen gut. Ein neuer Geist war eingezogen in das ganze Land. Wie dies sich nun genau zugetragen hat, darüber gibt es viele unterschiedliche Geschichten. Wahr sind sie alle, denn jeder hat seine eigene.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Nike (Donnerstag, 01 Januar 2026 18:26)

    Ich liebe die Fährmann-Saga!
    Bitte weiter!

  • #2

    Marita (Freitag, 09 Januar 2026 00:20)

    Das ist wunderschön...