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Schulgarten AG

Seit dem letzten Schuljahr leite ich eine Schulgarten AG in einer Grundschule in einem ländlich geprägten Fuldaer Stadtteil. Die meisten Kinder bringen einige Vorkenntnisse mit, sie sind interessiert, aber in der Gruppe wild und schwer zu bändigen.

Als die Blätter im Herbst von den großen Bäumen auf dem Schulhof fielen, bat ich die Schule, ein paar Laubrechen anzuschaffen, was prompt erledigt wurde. Die Idee, die Kinder Laub rechen zu lassen, entstand aus meiner Beobachtung heraus, wie die Kinder mit dem Besen umgehen. Immer, wenn sie zu viel von dem dicken Rindenmulch aus dem Spielbereich in den Hof geworfen hatten, mussten sie nämlich den Hof kehren. Dazu gab es extra kindgerechte Besen. Das sah nicht nach Strafe aus, sie rannten, um die Besen zu holen und zelebrierten das Fegen mit Konzentration und, wie mir schien, Freude. Es war eine fast gleichwertige Handlung wie das vorherige Umherwerfen, beides gehörte zusammen.

Und so war es auch beim Laub-Rechen. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, stürzten sie sich auf die Arbeit. Nun hatte ich jedoch nicht für jedes Kind einen Rechen, sondern nur drei Stück. Also bat ich sie, Teams zu bilden und sich abzuwechseln: Laub zusammenrechen, in die Behälter füllen, wegtragen und auf der vorgesehene Fläche verteilen. Auf dieser Fläche hatten wir vorher ein kleines Erdbeerfeld angelegt, Samen gesät und Stauden gesetzt. Wie es mit diesem Beet weiterging, ist eine andere Geschichte (siehe unten) doch zunächst möchte ich berichten, wie toll die Kinder diese komplexe Arbeit mit einem Minimum an Anweisungen selbstständige erledigten. Sie hatten einfach Freude daran. Andere Kinder, die nicht der AG zugehörten, kamen dazu und wollten mitmachen.

So hatten wir mehrere Wochen zu tun.

Im Winter mussten wir wetterbedingt, ein paar Mal in die Bücherei ausweichen. Dort haben wir „Samenbomben“ gerollt oder gebastelt. Doch 14 Kinder in einem kleinen Raum, nach 5 Stunden Unterricht, sind unruhig, laut und voller Bewegungsdrang. Das ist manchmal etwas schwierig.

 

Im Januar haben wir dann eine kleine Exkursion in den nahegelegenen Wald gemacht und Bäume bestimmt. Beim nächsten Mal hatte ich etwas Gras dabei, Reste aus einem Präsentkorb und ich fragte, wer mal ausprobieren möchte, ein Vogelnest zu bauen. Sie wollten alle und wir mussten sobald mehr Material suchen. Wir fanden dort Büschel mit längeren Grashalmen, wo der Rasenmäher nicht hinkommt, zwischen den Gittern des Eisenzaunes. Sofort waren verschiedene Teams aktiv und bauten Vogelnester, die wir in die noch jungen Obstbäume setzten. Auf dem Foto sieht man das Werk einer Gruppe Jungs, die sich anscheinend dem Motto „Größer und Besser“ gewidmet hatten. Doch auf meine Nachfrage erfuhr ich, dass es sich bei diesem Bauwerk um eine Art Vogel-Hochhaus handelt, in welchem ganz unterschiedliche Arten ein Zuhause finden. Also, vom Adler bis zu Spatz- sie zählten alle Vögel auf, die sie kannten. Schlafstätten wurden besonders weich ausgeposltert, ein Regenschutz wurde gebaut. Ganz unten, auf einem kleinen Ast war eine weiche Matte ausgelegt, als Sicherheit, „falls mal ein Kleines aus dem Nest fällt“. Nach einer Weile fragte mich einer aus dieser Gruppe, was sie wohl am besten unter dem Baum anpflanzen könnten, was Katzen nicht mögen-zur Abschreckung. Dazu kamen die verschiedensten Vorschläge.

Als die Stunde zu Ende war, buddelte ein Junge am Fuße des Baumes wie wild mit einem flachen Stein in der Erde.

„Wir müssen jetzt aufhören, es hat schon geläutet“, sagte ich zu ihm und fragte:

„Was machst du da eigentlich?“

„Ich will noch schnell eine Katzenfalle bauen!“ war die Antwort.

Ganz gerührt von seiner Fürsorge für die noch nicht vorhandenen Vogelküken und die ebenso noch nicht vorhandene Katze mit ihren räuberischen Absichten erinnerte ich ihn daran, dass wir diesen Gedanken das nächste Mal aufgreifen könnten und wir ja noch Zeit hätten.

In der darauffolgenden Woche hatte ich Knöterichstängel mitgebracht. Die Kinder zersägten sie. Mein Plan war, daraus, kleine Insektenhöhlen zu bauen (auch als Futter für die Vögel) und eventuell als Klangspiel. Die Kinder waren wieder mit der höchsten Begeisterungsstufe dabei, wie immer, wenn sie etwas Interessantes zu tun bekommen.

An diesem Nachmittag sprach mich ein großer Junge an, der kam, um seine kleine Schwester abzuholen. Er wollte wissen, was wir in der Schulgarten AG machen, und ich berichtete ihm im Groben von den letzten Stunden. „Wie schön!“, sagte er und dann erzählte er mir, dass er sich das auch für seine Schule wünschen würde. In dem Gymnasium, welches er jetzt besucht, werden naturwissenschaftliche Beobachtungen am Computer gemacht. Es werden Videos angeschaut. Wir redeten noch eine Weile und kamen zu dem Schluss, dass es eigentlich nichts gibt, was man nicht im Garten lernen kann. Das ist auch meine feste Überzeugung, auch wenn meine Didaktik vielleicht mehr auf die Erfahrungsebene zielt als auf die Anhäufung von Wissen auf rein rationaler Ebene.

Nur was ich mit den Händen begreife, mit meinen Sinnen erlebe, erreicht auch meinen Kopf und mein Herz auf nachhaltige Weise. Das ist mein Verständnis von Nachhaltigkeit.

Schilder aus alten Schieferplatten, gerettet aus dem Müllcontainer
Schilder aus alten Schieferplatten, gerettet aus dem Müllcontainer

Was ich damit meine, ist: Die Kinder haben sich an diesem Tag nicht nur sehr liebevoll mit allen möglichen Erfordernissen eines Vogelnestes befasst, die Schwierigkeiten der Materialsuche erlebt und zuletzt die „Wohnplatzsuche“ erlebt. Natürlich war alles spielerisch und es war klar, dass die Nester dort nicht halten können. Doch das Baumaterial hatte sie für die Vögel bereitgestellt.

Sie haben Erfahrungen gemacht, sich in die Lage der Vögel versetzt, ihre Bedürfnisse nachempfunden, Wissen ausgetauscht und gemeinsam Lösungen erarbeitet.

So etwas vergisst man nicht.

Leider passiert diese Art von Lernen eher in kleinen Nischen und die Lernorte sind bedroht von einem bürokratisch geprägten Ordnungssinn, der leider ungebremst grassiert und sich in erschreckender Weise verbreitet.( mehr dazu: hier) Dies wird beispielsweise an dem folgenden Brief vom 6.12.2023 deutlich, den ich an die Schule schrieb, mit der Bitte um Weiterleitung an das fürs Schulgelände verantwortliche Gartenamt:

Guten Tag,

 als Leiterin der Schulgarten-AG wende ich mich heute an Sie, um unsere zukünftige Zusammenarbeit zu verbessern. Eine einfache Maßnahme dazu wäre meiner Meinung nach eine direkte Kommunikation mit mir. Um zu verdeutlichen, wie wichtig eine direkte und klare Kommunikation ist, möchte ich Ihnen berichten, was wir in den vergangenen Wochen im der Schulgarten-AG gemacht haben:

 

Wir haben die Hochbeete für den Winter vorbereitet, dazu also Entscheidungen getroffen:

Was soll entfernt werden: Abgestorbene Pflanzenteile von Tomate und anderem einjährigen Gemüse, die werden zerschnitten und kommen auf den Kompost.

Was soll stehen bleiben: Die Kräuter im Kräuterbeet: die werden mit Laub abgedeckt und im Frühjahr sehen wir, was erfroren ist und was nicht. Stehen bleiben soll auch die Vogelmiere im nun leeren Gemüsebeet: auch dieses Beet soll mit Laub abgedeckt werden, vor allem zum Schutz der im Boden lebenden Wesen.

Im Randbereich des Obstbaumfeldes haben die Kinder den Boden aufgelockert. Dazu haben sie zunächst den Holzschnitt-Mulch beiseitegeschoben, verschiedene Erdbeere- Sorten gepflanzt, den Mulch wieder verteilt und dann das ganze Beet mit Laub abgedeckt.

Dabei haben die Kinder gelernt, dass die Pflanzen vor Frost und Trockenheit geschützt sind und bessere Bedingungen haben, um ihre Wurzeln auszubilden und im Boden zu verankern. Das ist gerade für die sehr kleinen, zarten Walderdbeeren äußerst wichtig.

Die Kinder haben ihr eigenes Wissen mit eingebracht: Die schützende Laubdecke ist gut für Insekten, vielleicht kommt sogar ein Igel. Für dessen eventuellen Besuch haben sie einen extra Haufen angelegt, auf dem Obstbaumareal. Die Humusbildung ist im Übrigen ein wesentlicher Aspekt im Lernbereich „Boden“. Die Kinder sollen ja lernen, wie sich der Boden verändert, also für das Gärtnern verbessert, wenn ich Verrottungsprozesse gezielt nutze. Deshalb haben wir auch Im hinteren Bereich Stauden gepflanzt, die wir im nächsten Jahr bspw. als Mulch verwenden wollen (Beinwell für Tomaten usw)

Im Übrigen haben die Kinder das Laub mit großer Begeisterung und Tatkraft zusammengerecht. Sie habe Teams gebildet und weitestgehend eigenständig gearbeitet. Andere Kinder, die nicht zur AG gehören, baten ihre Hilfe an und wollten mitmachen. Am Ende waren alle zufrieden über die getane Arbeit.

Beim Rundgang am Montag, den 4.12. schauten wir, was noch getan werden muss (zum Beispiel Pflanzen für den Kompost zerkleinern). Mit Entsetzen, ja, ich kann es nicht anders formulieren, habe ich festgestellt, dass unsere angelegte Laubdecke entfernt worden ist. Von den Walderdbeerpflanzen ist nichts mehr zu sehen.

Fazit der Kinder: alles umsonst gemacht, schade um die Erdbeeren

Ich habe ihnen gesagt, dass ich einen Brief schreiben werde, damit so etwas nicht wieder vorkommt. Das ist mein Anliegen: Ich möchte, dass die Arbeit der Kinder wertgeschätzt wird. Und ich möchte selbstverständlich, dass auch meine Arbeit nicht konterkariert wird. Natürlich gehe ich davon aus, dass dies nicht absichtlich geschah, denn vermutlich wollten die Arbeiter einfach nur ihre Arbeit gründlich erledigen. Doch sicherlich verstehen Sie nun meine Sichtweise auch und möchten verhindern, dass so etwas zukünftig nicht wieder passiert. Es gibt ansonsten immer wieder Abstimmungsbedarf, deshalb wiederhole ich meine Bitte: Stimmen Sie sich bitte mit mir ab!

Bleibt mir noch zu erwähnen, dass mein Brief, trotz mehrerer Nachfragen, bis heute unbeantwortet blieb.

 

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