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Wo war ich, als ich tot war?

Diesen Artikel schrieb ich für eine Blogaktion. Da meine Teilnahme aus verschiedenen Gründen nicht zustande kam, veröffentliche ihn hier:

Im November ist es naheliegend, sich mehr als sonst mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen.
Ein Thema, welches gern vermieden oder umgangen wird, denn wer schaut schon gern der Vergänglichkeit direkt ins Angesicht? Da aber nunmal Anfang und Ende den gleichen Ausgleichspunkt haben und niemand genau wissen kann, wie es denn aussieht in den „Gefilden der Seligen“, schicke ich zunächst mal meine Fantasie in diese Richtung und stelle mir vor, wie es ist, tot zu sein. Wie es sein könnte. Eine Vorstellung von etwas zu haben, ist besser als Angst vor dem großen, dunklen Nichts. Und in der Dunkelheit kann auch ein behaglicher Ort verborgen sein. Ein Ort, von wo aus neue Anfänge entstehen. Anfänge, die es zu bewahren gilt.

„Welchen Tod möchtest du sterben?“, frage ich in Gedanken den Nachtfalter, der wild flatternd versucht, das helle Glasfenster der Schlafzimmertür zu durchstoßen. Ich rette dich, doch aus welchem Fenster soll ich dich in die Freiheit entlassen, wenn das Haus von tödlichen Licht-Fallen umstellt ist? Für mich als Menschenwesen ist das Licht nur lästig und ich ärgere mich darüber, dass alle Nachbarn ringsherum ihre Gärten beleuchten als befänden sie sich im letzten Gefecht eines verrückten Candela-Wettkampfes. Ist es nicht ein Wunder, dass es hier überhaupt noch Insekten gibt? Und nun flatterst du vor mir hin und her, du kleines schwarzes Ding, und mein Herz beginnt auch zu flattern und ich frage mich angstvoll, in welche Richtung ich dich in die nächtliche Freiheit entlassen soll.

 Willst du den südlichen Tod, mit der Sehnsucht nach dem fernen Meer im Herzen? Oder lieber den westlichen Tod im Namen der Weisheit und der Sicherheit, denn du hättest die Wahl, an der Schul-oder an der Straßenlaterne zu verbrennen.

Vielleicht findest du aber Gefallen am nördlichen Tod mit seiner Verheißung auf ein ehrbares Leuchten zu deiner letzten Stunde im Diesseits? Dieser Wunsch könnte an den heißen Lampen des Ortsbeirates in Erfüllung gehen.

Oder möchtest du dich Aurora opfern und wählst lieber den östlichen Tod? Dein Flattern verrät mir keine Neigung in eine bestimmte Richtung.

So nehme ich dich vorsichtig in einen Becher gefangen und gehe mit dir in den nächtlich beleuchteten Garten. Taumelnd und benommen kletterst du heraus und berührst mit deinen Fühlern meine Hand.

Mit der Berührung schießt eine Erinnerung an den frühen Morgen in mich hinein und durchströmt mich:

Wie fast jeden Morgen begegnete ich in der Nähe des Wohnheims Frau Pawel bei ihrer Morgenrunde. Stille umgibt dieses Gebäude, meistens. Heute klang plötzlich Gesang aus einem geöffnetem Fenster, froh, selbstvergessen und wohlklingend. Wir nickten uns höflich zu und wünschten uns einen guten Morgen. Nach einer kleinen Pause fügte sie lächeln hinzu: „Manch einer denkt, er könnte entfliehen“, und zog von dannen. Ihre Bemerkung klang noch lange in mir nach. Klebrige Rätselhaftigkeit. Meine Gedanken umkreisten ihre Worte wieder und wieder, bis sie mich in der hellen Mittagssonne losließen.

Nun sind sie wieder da und schwingen sanft in meinen Körper wie ein Echo oder als wäre ich Wasser, in das ein Stein geworfen wurde. Fliehen, fliehen, fliehen-aus dem Rhythmus dieses kreisenden Wortes entsteht ein Ziehen, ziehen, ziehen, zunächst als Reim, dann als zarte Regung in all meinen Gliedern. Diese Empfindung wirkt seltsam sedierend. Mit jedem Atemzug breitet sich die Ruhe weiter in mir aus. Das, was ich anfänglich als Ziehen wahrgenommen habe, fühlt sich mehr und mehr an wie eine kreisende Pendelbewegung von innen nach außen. Himmelwärts. Im Rhythmus meines Atems stehe ich und staune. Es wird dunkler um mich herum. Das liegt daran, dass sich mein Körper ausdehnt und gleichzeitig leichter wird. Ist das nicht unglaublich? Ich denke darüber nach, ob ich je etwas ähnliches erlebt habe. Sicher nicht, doch eine vertraute Erinnerung taucht auf. Es ist kein eigenes Erlebnis, welches mir in den Sinn kommt, sondern eine Erzählung von Rainer Maria Rilke. Er schildert darin, wie er einmal, in einer seltsamen Begegnung mit einem Baum, „auf die andere Seite der Natur“ geraten sei.

Doch ich verfolge den Gedanken nicht weiter, denn ich bin fasziniert von dem, was mit mir passiert. Ich dehne mich aus und mein Körpergefühl ist von einer Leichtigkeit durchdrungen, die in Richtung Schwerelosigkeit tendiert. Je mehr sich mein Körper ausdehnt, desto flacher und dünner scheint er zu werden.

Diese Veränderung geschieht langsam, sehr langsam, doch irgendwann ist sie abgeschlossen und ich fühle mich wie ein zarter, unvorstellbar großer Schleier, der sich wie ein riesiger Lampenschirm über der Erde wölbt.Das Licht strahlt jedoch nicht von innen nach außen, sondern der Innenraum ist dunkel und der Schirm absorbiert alle von außen kommenden Lichtstrahlen.

Doch wo ist eigentlich der kleine Falter geblieben, wegen dem ich überhaupt zur nächtlichen Stunde das Haus verlassen habe und deshalb in diese Lage geraten bin? In der unter mir liegenden Dunkelheit erkenne ich Bewegung: Es sind kleine, rhythmische, ja, tänzerische Schwingungen voller Harmonie und sich endlos wiederholenden Resonanzen.

Es ist als würden Sternen taumeln, Schatten trudeln, Düfte wirbeln.

Etwas liegt in der Luft. Sinnlichkeit. Liebe. Spiel und Tanz. Ein Freudenfest? Ich bin mir nicht sicher, fühle nur meinen Instinkt, zu schützen, was immer auch in meinem luftigen dunklen Leib vor sich gehen mag. So vergeht diese merkwürdige Nacht für mich zwischen Erde und Himmel schwebend, mich dem leisen Sog hingebend, der mich dem hellen Mond über mir näherbringt, mich labend an dem Gefühl,

Raum, Zeit und Wirklichkeit zu entfliehen.


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