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Der Briefkasten

 Im Totenhemd-Blog von Petra Schuseil und Annegret Zander geht es in der diesjährigen Novemberaktion um Sterbe- und Trauerrituale unter Corona-Bedingungen. 

Zunächst dachte ich, das ginge mich nichts an, doch dann ist mir doch etwas eingefallen, denn Trauer gehört auch zum Abschiednehmen unter Lebenden dazu.

Darüber möchte ich berichten. 

Welche tradierten Trauerrituale gibt es denn überhaupt in meinem Leben?

Keine nennenswerten.

Gott sei Dank gab es in den letzten Jahren auch keine Todesfälle in der Familie oder im näheren Umfeld. Die Gräber meiner Großeltern wurden, zumindest mütterlicherseits, aus praktischen Erwägungen heraus, aufgelöst. Ich brauche den Friedhof nicht als Ort der Trauer und des Gedenkens.

Das hat sich allein schon dadurch ergeben, dass ich nicht mehr in meiner Heimatstadt lebe. In dem Ort, in dem ich jetzt wohne, ist der Friedhof keine 300 Meter von meinem Wohnhaus entfernt. Daran werde ich regelmäßigen Abständen erinnert, wenn Laubbläser oder sonstige laute Maschinen dort im Einsatz sind. Ich weiß nicht, wie die Besucher das aushalten können, ich habe für mich jedenfalls ein Grab in einem Friedwald geplant.

 

Über Erfahrungen mit Trauerritualen kann ich nichts berichten, wohl aber über das Abschied nehmen:

 

Abschied kann weh tun, nicht nur, wenn ein Mensch stirbt. Manchmal ist der Abschied von den Kindern schmerzhaft, das kann verschiedene Gründe haben. Eine Bekannte hat damit angefangen, Briefe an ihren erwachsenen Sohn zu schreiben, als dieser auf die sogenannte schiefe Bahn geriet. Nachdem er alle seine Exzesse überlebt und seine Mutter alle erdenklichen Qualen durchlebt hatte, meldete er sich nicht mehr. Sie wusste nichts, weder ob es ihm gut oder schlecht ging oder wo er war.

Da begann sie, ihm Briefe zu schreiben, die sie in einer kleinen Kiste aufbewahrte. Daran erinnerte ich mich, als es zur Trennung zwischen meiner Tochter und mir kam. Mir ist klar, dass Kinder aus dem Haus gehen, erwachsen werden, eigene Wege gehen müssen usw. Ich möchte auch gar nicht auf die näheren Umstände eingehen, sondern über das Briefeschreiben berichten:

 

Ich habe einen Briefkasten ohne besondere Funktion-er ist übrig. Verwendung hat er schon mal als Resonanzbriefkasten gefunden, einmal zu der Ausstellung „Emotionen“ und ein andermal zu einer kleinen Spielerei „Es ist Zeit!“ Seitdem steht er im Büro auf dem Fensterbrett. Als für mich die Zeit mit meiner Tochter schwieriger wurde und ich wirklich nicht mehr wusste, was ich tun sollte und was nicht, besann ich mich auf meine Bekannte, die mir vor Jahren von den Briefen an ihren Sohn erzählt hatte. Dann habe ich es ausprobiert. Was ich damit bezwecken wollte, war, quälende Gedankenschleifen, die sich um abgebrochene Gespräche kreisten, zu stoppen. Einmal aufs Papier gebannt, so stellte ich mir vor, würde ich Ruhe finden.

 

Obwohl ich die Briefe ausgedruckt und in den Kasten befördert habe, verspüre ich keinerlei Absicht, sie irgend jemandem zum Lesen zu geben.  Am allerwenigsten meiner Tochter. Dennoch war da eine Stimme in mir, die beharrte darauf, die Briefe so zu schreiben, als würden diese in nächster Zeit von ihr gelesen werden. Also habe ich mich um einen höflichen, nicht anklagenden, erklärenden Ton bemüht. Es geht um einen Abschied, der so schwerfällt, weil er durch nicht geklärte Konflikte begründet wird. Zwar kann ich kein einziges Problem aus diesem Konfliktpaket lösen, doch mit jedem Brief wird das schwere Paket leichter und ich hoffe darauf, dass es eines Tages so leicht sein wird, dass es davonfliegt. Dann werde ich zurückschauen und erkennen, wie mir das Ritual des Briefeschreibens geholfen und gutgetan hat.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Petra (Donnerstag, 05 November 2020 06:05)

    Liebe Martina, das ist dein sehr schönes friedliches Abschiedsritual ... für Töchter anwendbar ... ich stelle mir dass es auch sehr tröstlich sein kann einem toten Menschen einen Brief zu schreiben.

    Danke !!
    Herzliche Grüße
    Petrs