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Was gibt's denn da zu schneiden?

Samstag, 4.Januar 2020

 

 

Diese Schild war ein Blickfang, denn die Absperrung dreier Parkplätze vor diesem

mageren Bäumchen, und die Ankündigung, dass hier an diesem Ort, drei Tage später, BAUMSCHNITTARBEITEN durchgeführt werden.

 

Halleluja,

was gibt es denn da zu schneiden?

Einen Tag nach dem Dreikönigsfest würde ich es

zu sehen bekommen, denn mein Weg zur Arbeit und zurück führt genau hier vorbei.

 

Auf dem Weg zur Arbeit halte ich spontan an dem gesperrten Parkplatz an, um noch ein Foto von dem Bäumchen zu machen. Für den Vorher-Nachher-Vergleich. Doch die Frage in meinem Kopf: „Was gibt’s denn hier zu schneiden?“ ist ziemlich lästig und drängelt sich nervend in den Vordergrund. Mir bleibt nichts weiter übrig, als einen Stift aus der Tasche zu ziehen und meine Frage weiterzugeben, zu den Verantwortlichen oder zumindest den Ausführenden dieser Anweisung zu den Baumschnittarbeiten. Ein bisschen seltsam ist

die Situation für mich schon, denn gegenüber an der Bushaltestelle sehe ich Bekannte. Wir grüßen uns höflich und ich spüre ihre Blicke auf meinem Rücken, als ich meine Frage auf das Schild schreibe.

Dann kommt auch noch ein Mann mit Sonnenblume und Feder am Hut auf mich zu und schaut mich lächelnd an. Gerade will ich noch ein Foto von dem Schild machen, da steht er da. Ihm macht es nichts aus, mit auf dem Foto zu sein, er erzählt mir, dass er früher Krankenhaus-Clown war und wie schön es war, wenn die kranken Kinder sich über seinen Besuch gefreut haben. Ja, denke ich, Clownerie am frühen Montagmorgen, da fängt die Woche gut an und ich mache mich auf den Weg.

Dienstag, 7. Januar

Das Bäumchen sieht noch genauso aus wie vorher, ob die Arbeiten vertagt worden sind oder ob das Ganze ein Versehen war, wer weiß.

25.Januar

Beim Spazierengehen in meinem Wohnort Gläserzell schaue ich mir an, was die Arbeiter des Betriebsamtes der Stadt Fulda in den letzten Tagen gemacht haben. Sie waren ja nicht zu überhören und nun wollte ich sehen, was dieser tagelange Lärm nun für Ergebnisse hervorgebracht hat.

Auf dem Gelände der Schule wurde ordentlich aufgeräumt, oder, wie ein Schüler der 2.Klasse es formulierte: „Die haben den Hang K.O. gemacht“. Dieser Formulierung stimme ich zu, obwohl er wohl eher meinte, alle Hecken und Höhlen, in denen die Kinder so gerne Verstecken spielen, sind weg- ich meine eher, die Lebensräume für die Vögel wurden mal wieder dezimiert. Diese Vorgehensweise überrascht nicht weiter, denn in den letzten Jahren werden hier sukzessiv Bäume und Sträucher entfernt.  Zwar finde ich das sehr befremdlich und verwunderlich, denn in dem Schulgebäude ist es im Sommer sehr heiß- ich würde also eher Bäume pflanzen, um Schatten zu haben.

Die Brombeerhecke muss wohl auch irgendjemanden gestört haben. Ich hatte auch hier einen völlig anderen Blick und war sehr glücklich über dieses Stück Wildnis. Es gibt ja keinen besseren Lebensraum für Vögel und andere Tiere als eine Dornenhecke und die Beeren waren wirklich immer sehr lecker. Im Sommer 2018 hatte ich eine wahre Rekordernte. Die letzte ?

Schon im letzten Jahr rückte das Betriebsamt der Hecke zu Leibe.

In diesem Jahr geht es also weiter. Wildnis wird nicht geduldet, der Gedanke  der Bewahrung der Schöpfung ist im katholisch geprägten Fulda noch nicht angekommen. Ganz im Gegenteil, der Anteil der versiegelten Flächen nimmt zu, Basalt, Schotter oder Beton im Garten ist keine Mode, sondern eine mentale Seuche.

„Die ästhetische Umweltverschmutzung ist die gefährlichste von allen, denn sie tötet die Seele“ (frei nach F.H.) 

29.01.2020

 

Das Problem der ästhetischen Umweltverschmutzung tötet die Seele deshalb, weil ich nicht vermissen kann, was ich nicht kenne. Gerade in dem Moment, wie ich diese Zeilen schreibe, wird draußen an der Zerstörung der Brombeerhecke gearbeitet. Vor ein paar Jahren, als ich mit meiner differenten Sichtweise auf Rückschnittmaßnahmen mit dem Grünflächenamt im Dialog stand, sagte mir Herr Schlag, dass er sich generell mehr bürgerliches Engagement wünsche. Er sagte auch, dass es gut wäre, auch mal Beispiele aufzuzeigen, wie etwas bleiben soll, also Fotos machen und dem Amt für Grünflächen zu übermitteln- mit der Bitte, dieses Stück Fläche zu belassen. Es ist nämlich so, dass andere Bürger eher gegenteilige Ansprüche an das Grünflächenamt stellen, also mehr abschneiden, freie Sicht und keine störenden Blätter, die als „Dreck“ wahrgenommen werden.

Ich fand diese Idee sehr schön und rührend, denn sie wirft die Frage nach dem Wert des „Komforts“ auf, kein Blättchen, also keinen „Dreck“ mehr im Garten oder auf der Straße zu haben. Mit dieser Fragestellung kann ich diesen „Wert“ dem Verlust der Natur gegenüberstellen, dem Verlust des Lebendigen, der unmittelbaren Verbindung zur Mutter Erde.

Nur: diese Aufgabe überfordert mich, weil ich ja nicht wissen kann, wo demnächst ein Stück urbane Wildnis gerodet werden soll. Auf den Gedanken, dass diese Hecke stören könnte, bin ich einfach noch nicht gekommen. Und mittlerweile gibt es ohnehin immer weniger erhaltenswertes zu fotografieren, der Ordnungssinn hat im Moment anscheinen die Oberhand, deswegen habe ich einen anderen Weg eingeschlagen, den Weg der Verwandlung der Plage in Segen.

Dabei habe ich erfahren, dass allein im privaten oder gemein-schaftlichen Gärtnern noch viel mehr Schätze zu heben sind, als ich bisher vermutete und versuche gerade, eine sinnvolle Systematik aufzubauen, siehe: Wachsen und wachsen lassen

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