· 

Ein Hühnchen rupfen

In Vorbereitung auf den Kinderferienkurs zum Thema „Hühner“ fragte ich eine Freundin, ob sie vielleicht ein paar Hühnerfedern für mich habe.

Sie organisiert die Ausstellung „Vom Ein zum Küken“ in der Kinderakademie Fulda

und kennt eine Menge Hühnerzüchter. Eines Abends rief sie mich an und fragte, ob ich auch Fasanenfedern haben möchte. Ein Fasan, der in einem Gehege ganz hier in der Nähe gehalten wurde, hat sich das Genick gebrochen und ist gestorben. Wie kann denn so etwas passieren?

Nun erfuhr ich, dass der Fasan, ( übrigens auch ein Hühner-vogel), sehr schreckhaft ist. Wenn draußen, vor der Voliere, etwas ist, was ihn sehr erschreckt, ein Hund etwa oder plötzlich auftauchende, lärmende Menschen, dann flattert er so wild und aufgeregt umher, dass er eben auch mal gegen das Gitter knallt, sich das Genick bricht und stirbt. Man darf sich also nur ganz behutsam nähern. Ja, natürlich würde ich gern ein paar Fasanenfedern nehmen, die sind doch bestimmt sehr schön. Am nächsten Tag brachte der Züchter, dem der Fasan gehörte, den gesamten toten Vogel und meinte, ich könne mir ja selbst so viel Federn nehmen, wie ich wollte. Das war nun wirklich nicht das, was ich mir gewünscht hatte, aber was wollte ich machen? Zunächst kostete es mich ziemliche Überwindung, das tote, kalte Tier überhaupt anzufassen. Doch dann erinnerte ich mich, dass ich vor vielen Jahren einmal Fasanenbraten gegessen habe. Und sollte ich nicht auch anfassen können, was ich auch esse? Diesen ihr hätte ich jedenfalls  nicht essen können, denn das war ein totes Tier und kein Festtagsbraten aus der Tiefkühltruhe.

Obwohl der Festtagsbraten eigentlich auch ein totes Tier ist… Meine Empfindungen verwirrten mich.

Zusammen mit meiner Freundin fing ich an, vorsichtig an den Federn zu rupfen. Ich weiß also nun, wie es ist, wenn man zusammen ein Hühnchen rupft- die Federn gingen sehr schwer heraus, an manchen Stellen etwas besser an manchen schlechter. Die Farbschattierungen des Federkleides waren wunderschön und würden auch noch eine sehr, sehr lange Zeit so bleiben. So ein schönes Tier! Aber das Federrupfen war kein Vergnügen. Nachdem wir mühsam die ersten äußeren, bunten Federn entfernt hatten, kam ein flauschiger Untergrund zutage- wie eine weiche Unterbekleidung.

Bald schon flogen überall zarte Flaumflocken durch die Luft, kitzelten mich in der Nase und ich hatte keine Lust mehr. Federn hatte ich genug und so brachte ich den toten Fasan zurück zum Züchter. Diese kurze Episode hat mir viele Denkanstöße gebracht: Zuallererst dachte ich über Käfighaltung nach, denn in freier Wildbahn hätte der Fasan einen Fluchtweg gehabt und wäre nicht in Panik vor das Gitter geknallt. Wieso hält jemand überhaupt Fasane? Das allein war schon ein interessantes Kapitel.

Dann dachte ich über Hühner nach, wie sie gehalten werden. Und andere Vögel, die in Tierhandlungen verkauft werden. Tiere als Ware, Tiere als Produkt. Woher hätte ich, wenn ich keine Freundinnen hätte, die Hühner halten, sonst Federn herbekommen? Im Bastelgeschäft gibt es saubere, bunte Hühnerfedern, gefärbt und abgepackt. Der beiläufige Einkauf von Federn ist natürlich etwas völlig anderes als die Federn einem toten Tier aus der Haut zu reißen. Ich denke an ähnliche Erfahrungen mit meiner Art der „Materialbeschaffung“ und sehe Parallelen im "Erlebniswert", siehe: Die Wolle eines Schafes

Warum ich wissen wollte, wie das mit der Verarbeitung der Wolle ist ? Das Thema Schafwolle begleitet mich seit einem Besuch bei einem Schäfer vor einigen Jahren. Er sorgt für den Erhalt der Kulturlandschaft der alten Schafrasse. Fleisch und Wurst lassen sich gut vermarkten, doch die Wolle nicht, also wirft er sie weg. Ich kann das nicht akzeptieren weil es mir gegen den Strich geht, dass so ein wertvolles Rohprodukt im Müll landet während saubere Schafwolle aus dem Ausland importiert wird. Zum Beispiel aus Neuseeland, also, vom anderen Ende der Welt. Doch mittlerweile habe ich auch von Schafwolle-verarbeitenden Menschen gehört, die auf regionale Herkunft achten und kompromisslos auf regionale Wirtschaftskreisläufe setzen. Einen Fasan oder ein Huhn zu rupfen empfiehlt sich meiner Meinung nach schon allein wegen dem o.g. „Erfahrungswert“, die Erfahrung, etwas Wertvolles in den Händen zu halten. Bedeutsam und wertvoll, weil ich es mit meiner Hände Arbeit, meinem Willen und meiner Anstrengung gewonnen habe. Meine Großeltern und Urgroßeltern wussten noch aus eigener Erfahrung, wie viel Mühe es macht, Tiere zu halten. Es wäre ihnen nicht im Traum eingefallen, Federn oder Wolle wegzuwerfen. Heutzutage wird es getan, weil genau diese Erfahrung fehlt. Irgendwer führt zwar die „Drecksarbeit“ für uns aus, doch außerhalb unseres Sichtfeldes, unseres Erfahrungsraumes.

Vielleicht bringt es nicht viel, wenn ich den Kindern von dem Fasan und dem Schaf erzähle, bevor wir das Material verarbeiten. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. 

Hühner im Umweltzentrum Fulda
Hühner im Umweltzentrum Fulda

Kommentar schreiben

Kommentare: 0