Die Wolle eines Schafes

Um die Wolle eines Schafes zu transportieren, braucht es schon einen großen Karton. Ich wollte es wissen: Wieviel Arbeit ist das eigentlich- von der geschorenen, ungewaschenen Wolle bis zum Spinnrad.

Im Seniorenstift, also an meiner Arbeitsstelle, steht ein funktionstüchtiges Spinnrad und ich habe eine Besucherin kennengelernt, die damit umgehen kann. Früher konnte sie es auf jeden Fall. Falls das Spinnen nicht klappt, also nur eine Spinnerei war, können wir ja immer noch filzen. Ich nahm also das Geschenk, einen Karton ungewaschener Schafswolle, von einer Bekannten an. Ein großes Geschenk, der Karton, fast so groß wie ein Umzugskarton, gut zur Hälfte gefüllt. Ich dachte nicht lange darüber nach, welcher Art Geschenke mir aus welchen Gründen angeboten werden und machte mich an die Arbeit.

dies ist nur ein Bruchteil der Gesamtmenge!
dies ist nur ein Bruchteil der Gesamtmenge!

Ein großes Sieb, 1 Meter im Quadrat, war mir ein wert-volles Utensil zum Waschen der Wolle in Regenwasser. Es waren viele Waschgänge nötig, bis das Wasser nach und nach die braune Färbung verlor. Das Schlimmste war nicht die Verschmutzung durch Kot, sondern die im Fell verhakten Disteln. Ich nutzte die letzten warmen Septembertage um die Wolle in der Sonne zu trocknen und hatte Glück. Nach einer Woche Wenden, Umschichten und abends wieder wegräumen wechselte das Wetter und es regnete viele Tage lang. Anfang Oktober gab es wieder etwas Sonne und ich holte

die Wolle wieder hervor um sie für das Kardieren vorzubereiten. Eine gewaltige Aufgabe, denn unter meinen Händen schien der Wolle-Berg anzuwachsen. Je mehr ich zupfte, desto mehr vergrößerte sich der flauschige Berg auf dem Tisch. Aber bei dem noch zu zupfende Teil war das Weniger-Werden nicht wahrnehmbar.

Das Spinnrad erwies sich als untauglich. Die verschiedenen

Arten von Spinnrädern kann ich nicht überblicken. Es gibt eben einfach Dinge, von denen ich nicht nur keine Ahnung habe, sondern auch unfähig bin, mich autodidaktisch weiterzubilden. Mit der Vorbereitung der Wolle komme ich auch nicht voran, denn es gibt momentan niemand, der mitmachen möchte. Zwar schwärmen die Leute immer, wie schön es doch früher war, als man abends beisammen saß und die Wolle „zeiste“ oder Handarbeiten machte. Aber mein Angebot, die schöne weiche Wolle in die Hand zu nehmen, wird dankend abgelehnt. Die Gründe für die Ablehnung sind durchaus plausibel:

Das haptische Empfinden ist im Alter oft sehr eingeschränkt,

die Beweglichkeit und die Feinmotorik ebenso. Auch bei gutem Willen, es dennoch zu versuchen, überwiegen leider die negativen Effekte. Das Bewusstmachen der eigenen schwindenden Fähigkeiten verhindert oft die Freude am eigenen Tun.

Das haptische Erlebnis wird zur Frustration, wenn das Gefühl in den Fingerspitzen nicht mehr da ist.

Nun geht es also in eine neue Runde, die mit der Fragestellung beginnt:

Wie kann es gelingen, dennoch als Material zu verwenden und einen zufriedenstellenden Prozess zu entwickeln?

Fortsetzung folgt.....

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