Selbst gebaute Musikinstrumente in Seniorengruppen

An dieser Stelle möchte ich einige mögliche Anwendungsbeispiele zeigen und meine Erfahrungen teilen die ich in unterschiedlichen Gruppen machen konnte.

Meine Ziele beim Einsatz von Musikinstrumenten sind:

- Ermutigung zum Singen und zum Einsatz der Stimme

-Das deutliche Spüren der eigenen Stimme ermöglichen

-Das gemeinsame Schwingen und Klingen in der Gruppe zu erleben

-Raum für Bewegung zu geben, denn Musik und Bewegung gehören zusammen. Damit meine ich das innere Empfinden beim Hören von Musik, wie man davon berührt wird und seine äußerlich sichtbaren Ausdrucksformen- von den sich im Takt bewegenden Händen angefangen bis zum Tanz.


Bevor ich das erste Mal Musik-instrumente in einer gemischten Seniorengruppe ( Altersdurchschnitt 80 Jahre,teils dementiell erkrankt, teils eingeschränkt in der Bewegungs-fähigkeit, meist ohne Erfahrungen im Musizieren außer Singen) einsetzte, machte ich mir ernsthaft Gedanken: Würden sie sich darauf einlassen ?

Ich wählte einen günstigen Termin- den Rosenmontag. Fulda ist eine Faschingshochburg und das ausgelassene Feiern, Singen und "Ein bißchen verrückt sein dürfen" ist in der Faschingszeit allgemein gut akzeptiert.

Also brachte ich alles mit, was ich an Musikinstrumenten zu Hause hatte, Rasseln, kleine und große Regen-rohre, Trommeln, eine Kalimba und ein Xylophon. Ein gemeinsames Musizieren ergab sich daraus nicht, doch es gelang mir, Interesse und Neugier zu wecken, die Instrumente auszuprobieren und damit etwas zu spielen. Diese vergnügliche Stunde war meiner Meinung nach dennoch wichtig um einen vertrauensvollen Raum zu schaffen, welcher die wichtigste Voraussetzung  für ein gemeinsames Musizieren und Singen ist. Neben verschiedenen Bewegungsliedern wie z.B. "Mein Hut, der hat drei Ecken" oder "Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm" hatten die Teilnehmer auch Spaß an Geschichten, welche die eigene Stimme erforderten ( an bestimmten Stellen musste ein laut tönendes Ah oder Oh zum Einsatz gebracht werden) Von dort aus war es nicht mehr weit bis zu den "Drei Chinesen mit dem Kontrabass".Mit der Zeit kamen immer mehr lustige Lieder dazu, die Zeit verging im Nu und der Rosenmontagsvormittag klang in fröhlicher Stimmung aus.

Von da an brachte ich meinen Korb mit den selbstgebauten Rasseln öfters mit. Im Singkreis kamen sie dann zum Einsatz, wenn auch in geringem Umfang. Dennoch kam mehr Bewegung und Schwung in die Runde, und es klang wirklich sehr schön- das war nicht nur meine Meinung. Natürlich haben wir wieder die Lieder gesungen, die wir immer singen. Wenn ich die Instrumente in den Mittelpunkt stellen möchte, tue ich das in kleiner Gruppe in einem ruhigen, geschützten Rahmen. Zaungäste sind hier nicht wünschenswert.


Spiele und Übungen

Aprilwetter

Zur Einstimmung das Lied "April, April, der weiß nicht, was er will" singen und als Gesprächsimpuls nutzen.

Ziel: Die stetig wechselnde Aprilwetterlage mit Klängen und Geräuschen akustisch darstellen

Die ersten Zeile des Liedes in langsamen rhythmischem Singsang variieren, etwa: April, April, der weiß nicht was er will, mal Regen und mal Sonnenschein

oder Regen und Donnerwetter (hier können auch lustige Reime gefunden werden, in einer Gruppe funktioniert das ganz gut)

Vorgehensweise:

Einen Spaziergang in April beschreiben. Mit langsamen Regenschauer beginnen, Wind kommt auf, Gewitter naht und so weiter. Da ja im April alles möglich ist, bieten sich zahlreiche Improvisationsmöglichkeiten. Interessant ist es zum Beispiel, die Zeit zwischen Blitz und Donner zu variieren, einen Wolkenbruch zu erleben und Überraschungen einzubauen (Ein Vogel zwitschert) Ganz wichtig sind die Pausen, in denen sich das Wetter beruhigt und der Schnee ganz sanft fällt...

Instrumente:

Regen und Schnee: Xylophone, Glockenspiele oder Löffel oder Fingerkuppen an Trinkgläsern (vorher testen und zarten Klang für den Schnee auswählen)

Regen: Fingerkuppen auf Tischplatte, Trommeln oder leeren Konservendosen (Blechdach)

Hagel: Klanghölzer, Holz-Xylophon

Donner: Beckenschlag, Topfdeckel o.ä. Vorsicht: Nicht zuviel Lautstärke ermöglichen, also behutsame Auswahl und vorher testen. Geräuschempfindlichkeit beachten.

Wind: Mundgeräusche

Sonne: Rasseln aus Kronkorken, zarte Töne der pentatonisch gestimmten Harfe. Zusätzlich kann auch einfach eine goldene Sonnenscheibe hochgehalten werden (Aus Pappteller gebastelt und schön gestaltet)

Diese Radkappe am Wegesrand erschien mir auch attraktiv als Sonnenscheibe-Was ich nicht bedacht hatte, diese Dinger sind meist aus Plastik und haben noch eine hässliche Rückseite- also völlig ungeeignet. Dennoch lohnt es sich meiner Meinung nach, neugierig zu bleiben und die Klangqualitäten von Alltagsgegenständen zu erkunden. Warum also nicht mal einen Hörspaziergang unternehmen. Oder einen "Klanggang"- diesen Begriff hat mir netterweise eine Bekannte geschenkt.


Klanggang

Sehr schöne Anleitungen zu "Übungen zur Kraft der Stille" fand ich bei Wolfgang Gies in  "Das große Werkbuch Heilige". Im Garten oder im nahegelegenen Park kann man einen bestimmte, vorher ausgewählten Weg abgehen und den Teilnehmern bestimmte Achtsamkeitsaufgaben geben, zum Beispiel: welche Geräusche kommen von Menschen, sind von Menschen gemacht, welche Geräusche hört Ihr von Tieren oder aus der Natur (Wind, Wasser, knarrendes Holz). Der Hörspaziergang geht schweigend von statten und bedarf einer sanften Führung. Wenn die Umgebung nicht so viele Naturgeräusche hergibt, wie man möchte, ist es möglich, selber Klänge hervorzubringen. Denkbar wäre ein Krug und eine Waschschüssel mit Wasser (Tropfen und Gießen) oder Klangschale, ein Windspiel, Tannenzapfen zum Aneinanderreiben ect. zu verwenden. Diese Dinge kann man an Hörstationen aufbauen, z.B. auf kleine Hocker oder Obstkisten, die mit Tüchern bedeckt sind. Aus Stöcken und Hölzern lässt sich leicht eine "Klangbrücke" bauen. Diese kann zu zweit bespielt werden, indem man sich die Brücke mittes Schlaufen um den Hals hängt- oder man hängt sie an geeingneter Stelle auf und legt Klöppel zum Schlagen dazu...

Der Hörspaziergang sollte nicht zu lange dauern. Im Anschluß tauscht man sich in der Gruppe aus. Es ist interessant, wie viele Klänge und Geräusche gesammelt werden und wie die zeitweilige Konzentration auf nur einen Sinn - das Hören, die gesamte Wahrnehmung und das eigene Körpergefühl beeinflusst. Solch ein Hörspaziergang- oder Klanggang ist ein ausgezeichneter Einstieg, um Musikinstrumente in der Gruppe zu experimentieren.

Glasflaschen mit unterschiedlichem Wasserstand ergeben eine Tonleiter
Glasflaschen mit unterschiedlichem Wasserstand ergeben eine Tonleiter

 Nicht immer ist es möglich, ins Freie zu gehen, aber auch im Sitzkreis in einem ruhigen Raum sind Übungen möglich, zum Beispiel:

-Wandernde Klänge. Gut geeignet ist dafür ein kleines Regenrohr, welches erst weitergegeben wird, wenn nichts mehr zu hören ist.

-Klängen nachlauschen. Hier kann man Steine verwenden, gemeinsam klackern lassen und der Stille nachlauschen. Auch Gläser oder Flaschen können hier zum Einsatz kommen.Oder einfaches Händeklatschen.

Meine Inspirationsquellen

Alles, was ich selbst ausprobiert habe, entnahm ich dem Buch " Klänge aus der Natur"- akustische Ökologie und das Spiel mit elementaren Musikinstrumenten, von Hannes Heyne, (Drachenverlag, ISBN 978-3927369-46-7) Für mich ist dieses Buch eine wahre Fundgrube für die Praxis und hilft mir immer wieder, die Bedeutung meiner Arbeit in dieser Richtung zu erkennen.Und es ermutigt mich, auch ohne akademische Vorbildung, die Musik und die Übungen mit Klängen und Instrumenten mehr und mehr in meinen Alltag zu integrieren.

Hannes Heyne selbst gibt noch weitere Quellen an:

- Michael Reimann, "Die Musik in dir", (2003)

- Lilli Friedemann, "Trommeln, Tanzen, Tönen", 33 Spiele für Große und Kleine" (1983)

- Dorothée Kreusch-Jakob, "Zauberwelt der Klänge" und "Klangmeditationen mit Naturton-Instrumenten (1984)

- Heidrun Liess, "Spaß mit Klängen, Tönen und Geräuschen. Kinder erleben spielerisch Musik", (1995)

Ich selbst verwende auch gerne Kinderbücher, weil ich dort mitunter finde, was Senioren noch aus ihrer Kindheit kennen.Hier sind einige:

- Ludi musici 1, Spielliederbuch für Kindergarten und Grundschule von Wilhelm Keller aus dem Fidula Verlag

-Das Liedernest von Lieselotte Rockel, Fidula Verlag

- 9x11 neue Kinderlieder zur Bibel von Gerd Watkinson aus dem Christoporus-Verlag

- Unser Liederbuch für die Grundschule, Ausgabe  für Nordrhein-Westfalen (Peter Fuchs, Willi Gundlach, erschienen im Ernst Klett Verlag, Stuttgart.


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