Wer tauscht gewinnt

Am 20. Januar2016 findet  ab18:30 Uhr im Café Kultur des Mediana-Pflegestift ein Erzählcafé zum Thema „Zeitbörse“ statt. Zu Gast ist Frau Rita Berwein vom Talente-Tausch Fulda und berichtet über ihre langjährigen Erfahrungen mit dieser privaten Initiative.

Quelle: spiegel.de
Quelle: spiegel.de

In Vorbereitung zu diesem Abend wage ich eine Bilanz und versuche einmal, mein persönliches alternatives Wirtschaftssystem zu analysieren.

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Ein halbes Leben Ostdeutschland, ein halbes Leben Westdeutschland ergibt zusammen die Anzahl meiner bisherigen Lebensjahre. Ich kann nicht behaupten, dass im Sozialismus alles besser war.Jeder Anschein von Ostalgie ist mir völlig fremd, sonst hätte ich dieses Land nicht verlassen. Eine Sache jedoch fand ich ohne Wenn und Aber richtig gut, und das war:

SERO

„Die Abkürzung SERO stand in der DDR für das VEB Kombinat Sekundär-Rohstofferfassung, das Sekundärrohstoff-Annahmestellen und deren Weiterverteilung betrieb. Hier wurden Sekundärrohstoffe (wiederverwertbare Wertstoffe, umgangssprachlich Altstoffe) aufgekauft und einer weiteren Verwendung zugeführt. Im Vergleich zum Erfassungssystem für wiederverwertbare Wertstoffe in der alten Bundesrepublik erreichte das SERO-System einen wesentlich höheren Rückführungsgrad in den Wirtschaftskreislauf  für diese Stoffe“. (wikipedia)

Wenn ich mal knapp bei Kasse war, ging ich mit meinen gesammelten Glasflaschen und gestapelten Zeitungen in die zwei Straßen weiter gelegene Annahmestelle und mein Wochenendeinkauf war gesichert.

Ich wohnte in einer Altbauwohnung mit großem Dachboden und hatte Platz zum Sammeln. Jeder sammelte, einfach schon aus dem Grund, weil es sich lohnte.

 

SERO-Aufkaufpreise für die Bevölkerung“,

ca. 1985 (Wikipedia)

·         Zeitungen/Zeitschriften/Wellpappe 0,30 M/kg

·         gemischte Papier- und Pappabfälle; Bücher 0,20 M/kg

·         Schulhefte ohne Umschlag 0,50 M/kg

·         Alttextilien 0,50 M/kg

·         Flaschen (grün) 0,05 M/Stück

·         Flaschen (weiß) – ausgewiesene Sorten 0,20 M/Stück

·         Gläser 0,05 M/Stück

·         Gläser – ausgewiesene Sorten 0,30 M/Stück

·         Thermoplastabfall aus Haushalten 0,03 M/Fl.

·         Thermoplastabfall aus Haushalten 1,00 M/kg

·         Stahlschrott 0,12 M/kg

·         Gussbruch 0,23 M/kg

·         Aluminiumschrott 1,80 M/kg

·         Zink 1,60 M/kg

·         Kupferschrott 2,50 M/kg

·         Bleischrott 1,80 M/kg

·         Sprayflaschen 0,10 M/Stück

·         Fotofilme 0,05 M/Stück

·         Fixierlösung 0,40 M/Liter, Gramm

Bald nach meiner Ausreise in den Westen kam die Wende.

„Ein Unternehmen, das aus dem staatlichen Sammelsystem der DDR hervorgegangen ist, war die zeitweilig börsennotierte SERO AG mit Sitz in Berlin. Das betriebswirtschaftliche Konzept der Wertstofferfassung wurde nach der Wende durch die Lösch AG in Dülmen übernommen und von den Gebrüdern Löbbert weiterentwickelt. Betriebliche Manipulationen führten zum Aufsehen erregenden Konkurs der Fa. Lösch/Löbbert. Die SERO Entsorgung AG stellte am 2. Juli 2001 beim zuständigen Amtsgericht Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens“ (Wikipedia)

In den ersten Jahren im Westen war ich eine Befürworterin der Mülltrennung. Ich möchte nicht zu weit ausholen, aber mittlerweile bin ich radikaler oder konsequenter in meinen Ansichten, verabscheue die gedankenlose Wegwerfmentalität und meine: Nur Müllvermeidung und ein wirklich achtsamer Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten kann uns noch retten. Ob wir die (menschliche) Welt retten können oder nicht, möchte ich gar nicht diskutieren. Ich freue mich, wenn ich für mich vernünftige Handlungsmöglichkeiten finde, denn wo sonst sollte ich anfangen, etwas zu ändern als in meinem eigenen Leben? Meine Erfahrungen während der Suche nach Alternativen sind sehr vielfältig. Eigentlich überwiegen die negativen Erfahrungen, aber ich habe mir vorgenommen, meine Hoffnungen nicht aufzugeben. Also, wie sieht meine Bilanz aus?

Ich beginne mit den Bereichen, die wirklich gut klappen:

Bücher

Büchertauschregale gibt es bereits viele und es scheinen immer mehr zu werden.  Wenn ich ein Buch brauche oder gern hätte, schaue ich immer erst in verschiedenen virtuellen Bücher-schränken im Internet nach und bin auch Mitglied einer Tauschbörse. Wenn ich mich entscheide, ein Buch neu zu kaufen, lasse ich die Bestellung immer über meinen Lieblingsbuchhändler laufen. Er hat auch ein Antiquariat, es ist nett mit ihm zu plaudern und gegenüber ist mein Lieblingscafé.

 

Kleider

In Fulda gibt es zum Glück einen liebevoll geführten Kleidertauschladen

https://www.facebook.com/Kleidertauschladen-Fulda-296204443920091/timeline/

der verbunden ist mit einer Nähbar

https://www.facebook.com/N%C3%A4hbar-Fulda-1401954770036719/?fref=ts

Seit einiger Zeit tausche ich regelmäßig. Meine Garderobe ist vielfältiger und mein Kleiderschrank ist nicht mehr überfüllt. Fehlkäufe sind passé. Wenn mir ein Teil nach kurzer Zeit nicht mehr gefällt, bringe ich es wieder zurück und finde prompt irgendetwas überraschend Schönes…

Ich gebe viel weniger Geld für Kleidung aus und  trage die gebrauchten Sachen   viel lieber als neue. Je mehr Leute beim Kleidertausch mitmachen, desto weniger landet in den Containern. Ein Sammelcontainer ist für mich das Sinnbild für Geschäfte mit der Armut. Das Thema „sinnvolle Wirtschaftskreisläufe“ spare ich an dieser Stelle aus, weil es zu weit weg vom Ausgangsthema führt. Allerdings habe ich große Lust, darüber zu debattieren. (Ja, das ist eine Einladung)

 

Nahrung

 

Ich befinde mich in der glücklichen Lage, einen Garten zu haben. Als Selbstversorger wäre ich wahrscheinlich schon verhungert. Was wirklich gut wächst, ist jede Art von Wildkräutern, also nutze ich diese, soweit es geht. Meine Versuche, ausreichend Gemüse anzubauen, waren noch nicht erfolgreich, aber ich bleib dran!

Eine Zeitlang war ich in einer Urban Gardening Gruppe aktiv, aber das habe ich aus verschiedenen Gründen aufgegeben. Was noch wirklich gut funktioniert, ist, Gemüse von den Gemeinschaftsgärtnern zu kaufen oder zu tauschen, zum Beispiel gegen von mir entworfene Kunstobjekte (die bestehen übrigens nahezu vollständig aus Recyclingmaterial. Oder sollte ich, meiner Sozialisation entsprechend, lieber von Sekundärrohstoffen sprechen? Meine Garage und meine Werkstatt ähneln ja in gewisser Weise einer Annahmestelle zur Sekundär-Rohstofferfassung (Natürlich viel ordentlicher und schöner denn ich sortiere ja hauptsächlich nach ästhetischen Kriterien)

Zu den schlechteren Erfahrungen gehört der Versuch, mit ein paar anderen Leuten zusammen einen Obstgarten zu pflegen und zu bewirtschaften. Weil man ja aus Erfahrung klug wird, werde ich beim nächsten ähnlichen Versuch auf keinen Fall so groß starten (Der Garten hatte etwa dreißig Bäume), sondern erst mal mit 2-3 Bäumen anfangen. Oder ich tausche mit Nachbarn Quitten gegen Johannisbeeren.

Ich kann gut Mäuse fangen
Ich kann gut Mäuse fangen

Talentetausch

 

Auch hier scheint es auf den ersten Blick mehr Schwierigkeiten als Nutzen zu geben. Fangen die Schwierigkeiten nicht schon bei der Auswahl möglicher Tauschpartner an? Probleme entstehen auch oft aus dem Mangel an Absprachen und Verlässlichkeit. 

Der Erfolg bei dieser Art von Tauschgeschäft, also die Freude am Geben und Nehmen währte bei mir meistens nur temporär, aber ist das nicht gerade ein charakteristisches Merkmal von Tauschgeschäften? Also das Wörtchen "nur" streichen und sich an dem erfreuen, was ist!

(Nur) Einen schönen, verträumten Sommer lang dauerte  die Schlemmerkoalition mit einer lieben Nachbarin.

 

Weißt du, ich kann eigentlich besser mit Farben umgehen
Weißt du, ich kann eigentlich besser mit Farben umgehen

 

Wir waren beide aus unterschiedlichen Gründen längere Zeit zu Hause und wechselten uns ab mit Kochen. Oder wir trafen uns mit unserem Essen im Garten: Eine hatte noch Gemüseauflauf vom Vortag, die Andere machte einen Salat dazu- wunderbar. Oft sprachen wir davon, was wir noch alles gemeinsam machen könnten, einfach weil vieles allein nicht zu schaffen ist. Manches davon besteht noch, wie zum Beispiel gegenseitige Hilfe bei größeren Arbeiten, Anderes wurde verworfen.

Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diesen Sommer, denn die Schlemmerkoalition war und ist für mich noch immer ein Synonym für die zahlreichen Versuche, der Money-makes-the-world-go-round-Philosophie etwas entgegenzusetzen.

Ganz aktuell gibt es einen Reader, in dem alle Fuldaer Initiativen vorgestellt werden. Herausgegeben wurde dieses übersichtliche und fein gestaltete Heftchen vom Förderverein für Kultur, Ökologie und Kommunikation e.V. Fulda (KÖK) und ist erhältlich über folgende Adresse:

foerderverein-fulda@gmx.net, Stichwort: Initiativen-Reader

Der Talent-Tausch-Ring Fulda ist dort auch beschrieben. Ein idealer Start für alle, die im Neuen Jahr einen Versuch wagen möchten, in kleinen Schritten wegzukommen vom „Ich kaufe - also bin ich“  hin zu „Wer tauscht gewinnt“.

Auch bei Facebook:https://www.facebook.com/kok.fulda Vielleicht sieht man sich ja bald bei der einen oder anderen Gelegenheit.

 


An dieser Stelle muss ich unbedingt von einigen kleinen Früchten erzählen, welche dieser Abend hervorgebracht hat:

1. Die äußerst fruchtbare Idee zu dem Tauschgeschäft: Klavierunterricht gegen Hilfe beim Einstieg ins Internet! Also, ich find's super!

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