11 Fragen zum Älterwerden

Gerade habe ich die ersten zaghaften Schritte als Bloggerin hinter mir, bekomme ich schon einen Preis verliehen:

 http://unruhewerk.de/liebsteraward50plus/
Danke, liebe Maria, auch mir brachten Deine Fragen zum Älterwerden einiges Vergnügen. Hier sind Deine Fragen und meine Antworten. Ein eigener Fragenkatalog ist in Vorbereitung.



1. Gab es einen (Geburts-)Tag, an dem du begonnen hast, über das Älterwerden nachzudenken? Wenn ja: WAS hast du da gedacht?

Über das Älter werden habe ich auch schon als junges Mädchen nachgedacht. Das war für mich zu der Zeit eher etwas, was mich nicht betrifft. Wahrscheinlich war meine Vorstellungskraft noch nicht entwickelt. Als meine Kinder zur Welt kamen, wurde das Älterwerden dann begreifbar für mich. Schaue ich heute auf mich als junge Mutter von 20 Jahren zurück, erkenne ich die typisch arrogante Attitüde der Jugend: Ich bin jung, stark, weiß alles besser und kann alles besser. Rio Reiser’s Song „Ich will nicht werden, wie mein Alter ist“ beeinflusste den Grundton meines Lebens. Meine Eltern und die meisten Erwachsenen, die ich kannte waren weiß Gott nicht so schlimm wie bei Rio Reiser beschrieben, mir kamen sie jedoch unheimlich spießig und oft total verlogen vor. Kurz und gut, ich war eine selbstbewusste junge Frau, die davon überzeugt war: „So will ich niemals werden!“


2.   Macht es einen Unterschied, ob man mit 20 oder mit 50 das erste Blog startet? Wenn ja: Welchen? Was sind deine Erfahrungen?

Ich weiß nicht so recht. Manchmal sind solche alterstypische Unterschiede immer noch erkennbar, das ist ja ganz natürlich. Am ehesten wird das wohl an der Auswahl der Themen erkennbar sein.


3. Welche Wünsche hattest du an dein Leben, als du 20 warst?

     Unabhängigkeit und Freiheit! Das klingt groß, aber so war es. Das Leben in der DDR, in der grenznahen Stadt Eisenach, mit Kontakten zum „Westen“ brachte, meiner Erfahrung nach ziemlich oft utopische große Lebensentwürfe hervor. In meinem Bekanntenkreis gab es viele, die sich aus der spießigen Kleinstadtatmosphäre herausträumten:

Eigener Bauernhof, altes Handwerk, selbständige Arbeit- einfach Anders Leben. Was darauf oft folgte, war ein Ausreiseantrag nach dem Westen. Soweit war ich mit 20 Jahren noch nicht. Als meine Tochter zur Welt kam, wollte ich unbedingt eine eigene Wohnung haben. Später, als ich die Wohnung hatte (was alles andere als einfach war), begann ich, zu nähen. Mein Traum war ein eigenes Atelier und eine Ausbildung als Schneiderin.


4. Was steht heute auf deiner Wunschliste „an mein Leben“ ganz oben?

Die selbstständige Arbeit steht immer noch ziemlich weit oben. Oder besser gesagt, wieder. Zwischenzeitlich habe ich natürlich auf verschiedenste Weise getestet, wie kompatibel meine eigene Vorstellungen von Arbeit mit einem Lohnverhältnis sein kann. An erster Stelle steht heute jedoch die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringen kann. Insbesondere ist es ein großes Glück für mich, meine Enkelkinder um mich herum zu haben.

 


5. Gibt es etwas, das du nicht mehr tun magst, seit du „älter“ bist? Oder vielleicht GRAD DRUM?

Großveranstaltungen besuchen, sich um die Meinung der Leute zu kümmern, auf Konfrontationskurs gehen.


6. Wie fühlt sich Älterwerden für dich an, wo(bei) merkst du es am deutlichsten?

An den manchmal schlaflosen Stunden in der Nacht und den tausend Gedanken, die mich bewegen. Das ist nicht immer schlecht- ich denke heute gern und gründlich nach, hege und pflege manche Gedanken und Ideen und freue mich an ihrem Gedeihen. Früher war ich unbedachter, ungestümer. Also, das Älterwerden fühlt sich gut an, unbedingt! Außerdem ist es äußerst befreiend, sich souverän, konsequent und gelassen abgrenzen zu können. Dies habe ich erst seit kurzem gelernt. Außerdem verstehe ich mich heute viel besser mit meinen Eltern und sehe die beiden in einem völlig anderen Licht als früher. Generell bin ich sehr gern mit alten Menschen zusammen und schätze an ihnen die heitere Gelassenheit, mit der sie die kleinen schönen Dinge im Leben genießen.

 


7. Welche Beziehung hast du zu den Dingen in deinem Kleider- und/oder Schuhschrank?

Die Beziehung zu meiner Kleidung hat sich geändert. Nachdem mir viele Jahre lang mein Äußeres nicht so wichtig war (Jeans und T-Shirts reichten mir meistens aus) liebe ich es nun, auf die in meinem Schrank sortierten „Farbpäckchen“ zurückzugreifen. Mir erscheint es viel natürlicher, sich der Stimmung oder dem Wetter entsprechend zu kleiden. Extravagante Dinge haben wieder hohe Priorität bekommen. Ich habe wieder angefangen zu nähen und ich gehe so oft ich kann, in den „Kleidertauschladen“.


8. Gibt es Ziele, Ideale, Vorbilder oder Utopien, die du dein Leben lang nicht aus den Augen verloren hast? Wenn ja: welche?

Bereits als Schülerin wusste ich, dass ich relativ viel Freiraum benötige, deshalb waren meine verschiedensten Berufswünsche tendenziell immer in diese Richtung zielten. Eine sinnentleerte Arbeit kam nicht in Frage- das war nicht leicht, im Jahr 1978 in der DDR! Sehr viel Bewunderung habe ich in den 80iger Jahren für die Graswurzelbewegung empfunden. In Eisenach gab es auch eine „Umweltbibliothek“. Die evangelische Kirche bot Raum und Schutz. Ich erinnere mich an einen Projekttag, der in Gemeinderäumen stattfand. Die Adresse war „Hinter der Mauer“, was ich sehr cool fand. Die Zentrale der Staatssicherheit hatte ja in Berlin  in der Mauerstraße ihren Sitz! Ich habe auch später in allen möglichen Initiativen mitgearbeitet, die ich auch heute noch unterstütze, aber nicht mehr aktiv. Die Richtung ist immer gleich geblieben. Welche Richtung? Dazu fällt mir eine Losung von Attac ein:

Eine andere Welt ist möglich!                                                               

 


9. Macht dir der Gedanke, du könntest nicht mehr lang zu leben haben, heute mehr Angst als vor 20/30 Jahren? Oder weniger?

Wie schon erwähnt, als Kind und junge Frau spielten solche Gedanken eine geringe Rolle. Der Tod ist ja am Schlimmsten für die Hinterbliebenen, weil sie mit dem Verlust klarkommen müssen. Meine Kinder waren für mich immer das Wichtigste. Der Gedanke, früh zu sterben und sie- tja, wem?- überlassen zu müssen, war unerträglich für mich. Allerdings tauchte er nur vorübergehend in den Zeiten auf, als ich selbst mit dem Tod junger Menschen in meinem engsten Kreis in Berührung kam. Heute wünsche ich mir, noch möglichst lange zu leben, aber Angst habe ich nicht. Es sind ja alle meine Lieben gut versorgt.


10. Bist du manchmal „kindisch“ (im Sinn von: unbedacht fröhlich/verspielt/ein bisschen leichtsinnig/ungeplant etwas Angenehmes tun)? Wenn ja: wann/wobei?

Oh, ja! Beim Malen, Basteln, Spielen, manchmal auch während der Arbeit-das hängt natürlich davon ab, mit wem ich gerade arbeite!


11. Woran können andere sehen, dass und wie du älter wirst? (Bitte nicht nur an die Falten denken…)

Das kann ich nur vermuten. Ich nehme an, dass ich vernünftiger und ruhiger wirke, zufriedener. Ok, hier klingt viel eigenes Wunschdenken mit- ich habe keine Ahnung!

Kommentare: 3 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Maria Al-Mana (Sonntag, 29 November 2015 11:13)

    Liebe Martina,
    ich bin ja soo froh, dass ich dich nominiert habe. Wie liebevoll deine Antworten sind - und auch noch so toll bebildert! Du bist mir in einem Punkt ganz ähnlich: Das Festhalten an Utopien, die Erkenntnis, dass sich unser Blick im Lauf des Älterwerdens auf sie verändert, wir aber trotzdem nicht bereit sind, sie ganz aufzugeben - das verbindet uns ganz eindeutig. Und dafür möchte ich dich am liebsten umarmen. Virtuell. Hab ganz herzlichen Dank!
    Maria

  • #2

    Karin Austmeyer (Sonntag, 29 November 2015 13:47)

    Hallo Martina,
    Deine Antworten zeigen mir, wie jung wir doch eigentlich noch sind. Einfach wunderbar ....
    Liebe Grüße
    Karin

  • #3

    Sonja (Sonntag, 29 November 2015 17:17)

    Sehr schöner Blog, liebevoll gestaltet, wie auch die Fragen äußerst liebevoll beantwortet werden. ich komme sicher wieder!!